Wenn man in Harkau auf der "Anhöhe" des Dorfes steht und nach Südwesten schaut, sieht man in der Ferne einen Dreierhügel. Sie erinnern mich immer an die grünen Dreierhügel im ung. Wappen. Es sind dies die Berge von Landsee. Auf dem einen Hügel steht eine alte Burgruine. Nun sollte ausgerechnet von den Bewohnern dieser Burg, besser in deren Auftrag, anfangs des 16. Jahrhunderts Raubzüge ausgeführt werden, die für die Dörfer der Stadt Ödenburg, ganz besonders aber für Harkau, verheerende Folgen hatten.

Wie uns aus dem Geschichtsunterricht sicher noch bekannt ist, besiegten die nach dem Westen vordringender Türken im Jahre 1526 bei Mohács das ungarische Heer. Der ungarische König Ludwig II. fiel in der Schlacht. Nun hatten die Ungarn nichts Eiligeres zu tun, als einen neuen König zu wählen. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich ihre Uneinigkeit am deutlichsten. Die eine Partei, die nationale Partei - sie hatte die Niederlage bei Mohács im großen Maße mit- verschuldet! - wählte ihren Führer Johann Zapolyai, den Woiwoden von Siebenbürgen, zum König. Der westliche Teil des Landes, d. h. die Magnaten, Bischöfe und Adeligen, wählten Ferdinand von Habsburg, Herzog von Österreich, zum König. Juristisch waren sie auch im Recht, denn die Königin Witwe Maria war die Schwester Ferdinands und Kaiser Karls V.

"Pro patria et libertate" (= Für Vaterland und Freiheit) hatten die Heere Bocskays (sprich Botschkai), die "Haiducken" auf ihre Fahnen geschrieben, mit denen sie in den Jahren 1604/ 1606 gegen den Kaiser ins Feld zogen. Kaiser Rudolf (regierte von 1576 bis 1608) weilte hauptsächlich in Prag, verbrachte seine Zeit mit Alchimie (= Goldmacher Kunst) und mit Astrologie. Er kümmerte sich sehr wenig um die Staatsgeschäfte.

Nach langen Verhandlungen wurde endlich am 23. Juni 1606 zwischen dem Kaiser und den Aufständischen in Wien der Frieden geschlossen. Laut diesen Friedensschluß wurde u. a. auch den Königl. Freistädten (mit ihren Untertanen) die Religionsfreiheit zugebilligt. Insofern kam auch die Stadt Ödenburg (und ihre Stadtdörfer) in den Genuß der erkämpften Freiheiten der Heere Bocskays, auch wenn sie deren Kämpfe nicht unterstützt, ja ihnen sogar Widerstand geleistet hatte.

Ein Jahrzehnt nach dem Wiener Frieden setzte in Ungarn mit dem neuen Kaiser/König Ferdinand II. abermals die Gegenreformation ein. Ihre wichtigsten Verfechter waren Ferdinand II., der Herzogprimas Peter Pázmány und Nikolaus Eszterházy. (N. Eszterházy stammte aus einer evang. Kleinadelsfamilie, konvertierte 19jährig und heiratete die Witwe Magochys, Ursula geb. Dersffy. Durch diese Heirat erhielt er auch die Güter Landsee, Lackenbach u.a., wo er seine neuen Untertanen mit Gewalt rekatholisierte.)

Wie im vorigen Kapitel bereits angedeutet, ist es verwunderlich, daß anfangs des 30jährigen Krieges für die Protestanten und die Ungarn ein solch günstiger Frieden geschlossen werden konnte, wie der von Nikolsburg. Aber Habsburg wußte, daß seine Zukunft und die der röm. kath. Kirche nicht in Restungarn sondern im Deutschen Reich entschieden wird. Sind die Gegner im Reich besiegt, würde auf dem Nebenkriegsschauplatz Ungarn der Sieg Habsburgs kein Problem sein. Während also in Deutschland der 30-jährige Krieg mit all seinen Schrecken wütete, war in Ungarn ab 1622 relativ Ruhe eingetreten. Die friedliche Entwicklung beruhigte die Menschen, zumal die türkischen Machthaber in dieser Zeit sich auch kaum einige Angriffe auf Festungen, Burgen und Städte Ungarns leisteten.

Nach den drei Landtagen in Ödenburg war es in Ungarn relativ ruhig. Nur im Jahre 1644 zogen die Heere Eszterhazys, Adam Battyanys und Nikolaus Zrinyis gegen das Fürstentum Siebenbürgen in den Krieg. "Von den durchziehenden rohen und rücksichtslosen 800 Mann starken Heer mußte Ödenburg, besonders aber die umliegenden Dörfer viel erleiden, obwohl ihr Führer Zrinyi von der Stadt als Gast empfangen wurde" schreibt Prof. Payr: Dem Durchzug dieses Heeres - vielleicht auch beschleunigt durch die große Hitze und Trockenheit - folgte die Pest.

Kaum war 1679 die Pest abgeklungen, überschatteten neue Kriegsereignisse unsere Heimat. Emmerich Thököly versuchte sich wie seine Vorgänger Bocskay und Bethlen mit Waffengewalt der absolutistischen Regierung, dem Verfassungsbruch des Königs zu widersetzen. In kurzer Zeit eroberte er Siebenbürgen und mit türkischer Unterstützung das ganze Oberungarn. Sein Heer wurde "Kurutzen" genannt. Da auch neue Angriffe der Türken drohten, mußte Kaiser/König Leopold I. gegen sie rüsten. Dazu brauchte er nicht nur Geld und wieder Geld, das nur der Landtag bewilligen konnte, sondern er mußte versuchen, die Unterstützung aller Stände zu erhalten. Darum sah sich König Leopold I. gezwungen, nach langer Zeit wieder einmal einen Landtag abzuhalten. Nachdem in Preßburg, der damaligen Hauptstadt Ungarns, noch die Pest wütete, wurde der Landtag für das Jahr 1681 nach Ödenburg einberufen.

Die türkischen Heere unter Kara Mustapha zogen auch diesmal wieder zwischen Donau und Neusiedler See nach Westen und belagerten die Kaiserstadt Wien. Ödenburg und Harkau lagen zwar nicht an der großen Heerstraße, aber von durchziehenden Truppenteilen und plündernden Haufen hatten sie auch noch genug zu leiden. Ödenburg hatte dem Grafen Thököly, dem Führer der ungarischen. Aufständischen huldigen müssen. Am 12. Juli des Jahres 1683 hißte die Stadt die weiße Fahne und am 16. Juli mußte sie schon Thököly "aufschwören". Dadurch wurde die Stadt selbst vor Plünderung und Zerstörung bewahrt, denn sie erhielt auch "Kurutzen" als Besatzung.

Während der Kriegshandlungen mit dem Türken nach 1683 überstiegen die Steuerlasten, die Lebensmittelabgaben und Frondienste alle Vorstellungen, so daß das Volk in vielen Gegenden an den Bettelstab gelangte. Kein Wunder also, wenn bei der Bevölkerung die allgemeine Unzufriedenheit im Lande sehr groß war. Ein Aufstand der Unzufriedenen war nur deshalb noch nicht erfolgt, weil es an seinem geeigneten Führer fehlte. Dieser trat bald - um 1700 - in der Person des Franz Rak6czy 11. auf. Er war der Stiefsohn Emmerich Thökölys, der zu dieser Zeit schon im türkischen Exil lebte. Seine Söldner, anfangs fast ausschließlich Leibeigene, keine Adeligen, wurden auch "Kurutzen" genannt, im Gegensatz zu den Kaiserlichen, die in der ungarischen Literatur - besonders in den Kunstliedern des 19. Jahrhunderts von KaIman Thaly mit ihrem chauvinistischen Inhalt - "Labancz" (von Lauf-Hans) genannt wurden.

Nach wechselvollen Kämpfen der Kurutzen, bei denen sie bald das ganze Land eroberten, bald wieder verloren, wurde eine ihrer wichtigsten Schlachten dieser Gegend bei Harkau geschlagen. Dr. Putz/Deutschkreutz schildert dieses Geschehen wie folgt: "Diese opferreiche Auseinandersetzung fand am 2. Oktober 1707 statt. Als Hinterhalt, in den die Kaiserlichen unter General Franz Nadásdy, einem Sohn des 1670 hingerichteten Franz Nadásdy, locken wollten, wählten die Kurutzen Deutschkreutz und seine unmittelbare Umgebung. Die Bereitschaftstruppe der provozierten Deutschen, die aus Ödenburg anrückte, wurde nach einem kurzen Gemetzel von der Deutschkreutzer Hauptgasse bis zum Kardwald fatal aufgerieben. Nadásdy, der das Geschehen vom Harkauer Kogel aus beobachtet hatte, eilte den Seinen mit zwei Regimenter Dragonern und Husaren zu Hilfe. Als er aber auf der Höhe des Waldes die 3000 Kurutzen erblickte, ritt er nochmals bis zum Harkauer Kogel zurück. Die Kurutzen sprengten ihm nach. Auf der Harkauer-Ödenburger Heide kam es zu einer Schlacht, wobei die Kurutzen bis in die Hauptgasse von Deutschkreutz zurückgedrängt wurden..?"

Am Ende des 18. Jahrhunderts waren natürlich auch die Harkauer von den Parolen der Französischen Revolution: "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" ergriffen. Vom weiteren Fortgang der Geschehnisse waren sie schon weniger begeistert, denn den Parolen folgte bald die Kriegsfurie. Im Heer der Österreicher kämpften auch Harkauer in Oberitalien gegen Napoleon, im Jahre 1796/97. Noch schrecklicher waren die Folgen der Schlachten in Oberitalien. Nachdem die Kaiserlichen Oberitalien räumen mußten, wurde vom Dezember 1805 bis Februar 1806 ein österreichisches Pionier Corps in Harkau einquartiert. Die Soldaten schleppten eine schreckliche Epidemie ein von der auch viele Harkauer infiziert wurden. "Durch mehrere Wochen lagen bis zu 200 Personen darnieder. Die stärksten jungen Männer und Frauen zwischen 20 und 40 Jahren wurden vom Tod hingerafft", schreibt der damalige Ortspfarrer, Samuel Schiller, und fährt fort: "Ältere Personen genasen gewöhnlich wieder. Mehrere von den jungen Angesteckten fielen in größte Paroxisman, in völlige Raserey, so daß sie niedergebunden werden mußten!!!"