"Sitten und Bräuche" sind ein wertvolles, aber leider schon fast vergessenes Vermächtnis unserer Ahnen.
Während deren direkte Nachkommen noch wußten, was sie mit dem Festhalten am Althergebrachten ihren Vorfahren schuldig waren, glaubten doch schon ihre Kinder, also unsere Eltern und Großeltern, nicht mehr so innig an den großen Wert dieses Volkstumsschatzes und vernachlässigten ihn im Laufe der Zeit, so daß er in Vergessenheit geriet. Nur noch wenige alte Frauen konnten sich vor einem halben Jahrhundert bruchstückweise erinnern. Was ich von ihnen erfahren konnte, dokumentierte ich erstmals im Jahre 1938.

Eine sehr alte, aber zugleich auch sehr schlechte Sitte war es, dass man des einen oder anderen Menschen schlechte Eigenschaften oder Schwächen auf Papier brachte und dasselbe dann an den Haustoren befestigte oder auf der Gasse verstreute. Einen solchen Zettel nannte man "Puschkawü", was aus dem französischen Pasquill (Spottgedicht) stammte. Der Verfasser dieses Pamphlets blieb immer unbekannt; die gelesenen Puschkawü wurden sofort verbrannt, denn jeder Leser fürchtete, wegen Ehrbeleidigung vor Gericht zitiert zu werden. Selbstverständlich wurde ein solcher Fall von der ganzen Dorfbevölkerung weit und breit diskutiert und der Betroffene ausgelacht.

Wie in allen deutschen Dörfern Westungarns, herrschte auch bei uns in Wandorf der Brauch, daß die Kinder am Neujahrstag "wünschen" gingen. Schon in aller Herrgottsfrühe gingen die kleinen Knirpse zu Verwandten und Bekannten und sagten ihr Sprüchlein auf. Dieser "Spruch", den sie schon mehrere Wochen vorher sorgfältig einstudiert hatten, konnte sehr verschieden sein. In meiner Kinderzeit pflegte man den folgenden zu sagen:

Es ist allgemein bekannt daß der 6. Dezember ein Freudentag für die Kinder ist, denn dann kommt ja der Nikolaus mit seinen vielen Gaben. Auch in Wandorf wurde schon Tage vorher den Kindern beigebracht, daß man brav sein muß, wenn einem der heilige Mann Geschenke bringen soll. Sie glaubten treu, daß er alle Tage abends horche, ob sie auch beteten und der Mutter folgten.

Kam ein Bauernbursche so in die zwanziger Jahre, mußte er sich langsam allen Ernstes um ein Mädl umschauen. Im allgemeinen heirateten die Wandorfer Burschen ein Mädl aus dem Dorfe nach dem erprobten Grundsatz: "Heirat iwan Mist, so woast weas is!" Hatte ein Bursch ein Verhältnis zu einem Mädchen, so machte er diesem ab und zu Geschenke, kam öfters verschwiegen mit ihm zusammen und schenkte ihm bei Festen und vor allem beim Tanz mehr Aufmerksamkeit als den anderen. War er soweit selbständig, dass er glaubte, eine Familie ernähren zu können, und war das Mädchen mit ihm einig, so wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit ge- troffen. Aber damit war noch nicht geheiratet, der letzte Gang, man kann wohl sagen der schwerste, war noch nicht getan! So schwer er auch war, er mußte doch gemacht werden. Der Bräutigam mußte demütigstens seinen zukünftigen Schwiegervater um die Hand seiner Tochter bitten, der sie ihm in den meisten Fällen auch nicht verweigerte.

Das Lied - die Wandorfer; zwei Begriffe, die man voneinander nicht trennen und nur zusammen aussprechen kann.
 
Die Wandorfer liebten die Musik, vor allem aber den Gesang. Wo Burschen und Mädchen zusammenstanden, miteinander flanierten auf der Straße oder auf anderen Plätzen, so war das gemeinsam gesungene Volkslied Ausdruck ihrer völkischen Sehnsüchte, ihrer freundschaftlichen Verbundenheit und ihrer Zuneigung zur Gefühlswelt ihrer Vorfahren. Schon die Allerkleinsten übten sich in dieser Tradition, erlernten von den Müttern die schönen Melodien als wüßten sie, welch großen Schatz sie zu bewahren haben. Besonders aus der Ferne klangen diese Volkslieder wunderschön, wenn die Burschen mit ihrem angenehmen Bariton den Sopran der Mädchen in der Terzlage begleiteten.

War ein Familienmitglied in Christo Jesu verschieden, so wurde der Leichenbestatter bestellt, der Sarg und Kränze besorgte sowie die Träger bestimmte. Der Hausvater ging schweren Herzens nach Agendorf zum Pfarrer und bestellte die Leichenpredigt. Er berichtete dem Seelsorger, wie alt der Verstorbene war, wie lang er gelitten und wie er verschieden sei.

Mit den deutschen Mundarten auf dem Gebiet Rumpfungarns, also jenem Territorium, das Ungarn nach dem 1. Weltkriege verblieben ist, hat sich Johann Weidlein, Szarvas, beschäftigt. Er stützte seine Untersuchungen der Mundarten auf die Arbeiten der ungarischen Akademie der Wissenschaften, die auf Anregung des Universitätsprofessors Gideon Petz eine Sammlung veröffentlichte, deren Zweck die Erforschung der ungarländischen deutschen Dialekte war.

Einer seiner Mitarbeiter war Heinrich Schmidt, der sich mit den mittel- bayerischen Mundarten beschäftigte. Das Mittelbayerische unterscheidet sich in zwei Untergruppen, je nach dem der Dialekt den ursprünglichen altdeutschen Zwielaut "uo" in ein "ui" oder "ua" verändert hat. In der ersten Gruppe nennt man also die "Kuh" = "Khui" den "Fuß" = Fuiß", das "Blut" = "Plui", in der anderen Gruppe Khua, Fuaß, Fluat.

War im Herbst die Ernte eingebracht, der Kukuruz in der "Einfahrt" auf- gehängt und das Herbstackern beendet, so hatten die Leute endlich Zeit für das schönste Fest im Jahr, die Kirchweih. Die Wohnhäuser wurden in der Woche vor dem großen Ereignis in Ordnung gebracht, die Giebelseiten geweißt oder mit blauer, gelber und grüner Farbe bemalt. Am Samstag wurde das "Kiritobagl" und die sonstigen Leckereien gebacken, sowie die gemästeten Hühner, Enten und Gänse geschlachtet. Sonntag vormittag wurde gekocht, gesotten und gebraten und alles für den Kirchweihtisch vorbereitet. Um diese Zeit hatte auch der ärmste Mann sein Huhn im Topf und eine gebratene Gans auf dem Tisch, denn auch er erwartete Verwandte und Gäste zu diesem hohen Feste.

Neben dem Existenzkampf, der bei vielen Familien den Alltag überschattete, wuchs allmählich auch der Wunsch nach Zerstreuung und Ablenkung. Die vielerlei Neigungen zum Ende des ausgehenden Jahrhunderts führten bei der ständig wachsenden Bevölkerung zur Gründung von Vereinen. Die Zugewanderten brachten aus ihren Heimatgebieten Gewohnheiten und Neigungen mit, die sie auch in Wandorf ausleben wollten. Vereine förderten die Geselligkeit, die Kameradschaft und nicht zu- letzt die Zusammengehörigkeit.

Eine der beliebtesten Beschäftigungen im Winter war das Federnschleißen. Wenn es draußen fror und schneite, saßen abends beim wärmenden Ofen junge Mädchen und Frauen in einem geschlossenen Raum und schlissen Enten- oder Gänsefedern. Das heißt, sie zupften die kleinen Federchen vom Kiel und sammelten sie in einem Behälter. Das war immer eine lustige Angelegenheit.

Neben den Theateraktivitäten der Erzsi-Néni mit der Schuljugend, den Veranstaltungen des Gesangvereins, den musikalischen Darbietungen, spielten noch die Theateraufführungen der reiferen Dorfjugend eine wichtige Rolle in der kulturellen Betreuung der Einwohner.

Der Wonnemonat Mai spielte bei uns in Wandorf eine große Rolle. Die Wandorfer liebten ihre herrliche Umgebung. Man suchte nicht nur des trockenen Holzes, der Pilze und Beeren wegen die Wälder auf, sogar die älteren Frauen zog es dorthin, um die gute Luft zu schöpfen und den Vogelgesang zu genießen.

Vorbemerkungen
Neben den Zuwanderungen aus den Nachbarorten und dem benachbarten Österreich verdankte Wandorf seine hohe Einwohnerzahl in erster Linie einer gesunden, biologischen Fortpflanzung.
 
Zahlreich waren die kinderreichen Familien, oft mit 6 bis 8 und mehr Kindern. Da die Gemeinde weder Geld noch ein Konzept für Kinderspielplätze oder Sporteinrichtungen hatte, sorgte die Jugend selbst für ihre Zerstreuung auf den Straßen und auf freien Plätzen, die in früherer Zeit noch frei von Autos und anderen Motorfahrzeugen waren.

War der reife Kukuruz im Herbst gebrochen und im Stadel oder in einem sonstigen luftigen Raum gelagert, kamen abends dann die Verwandten, Bekannten und Nachbarn zusammen und "hebelten" den Mais. Sie rissen die äußeren Schutzblätter vom Kolben, zogen die inneren nach außen und banden sie Zusammen. Anschließend hing man den Kukuruz zum Trocknen in der Einfahrt oder unter der Dachtraufe auf.

Die heitere Grundstimmung der Wandorfer Bevölkerung und der von ihr getragene Unterhaltungs- und Vergnügungswert hat nicht nur auf die Umwelt eine magische Anziehungskraft gehabt. Sie waren auch der Nährboden für den Wandorfer Mutterwitz, der insbesondere in den Späßen und Äußerungen der Wandorfer "Dorforiginale" zum Ausdruck kam. Sie waren die "Querdenker" und durch ihr Verhalten in gewisser Hinsicht auch die "Außenseiter", aber nicht die "Ausgestoßenen" der dörflichen Gemeinschaft. Ihre Lebensphilosophie und Lebensweise genügte nicht den durchschnittlichen Normen einer bürgerlichen - im Grunde genommen - konservativen Lebenshaltung. Sie waren ein Teil - ein akzeptierter Teil - jener heiteren Atmosphäre, die das Wandorfer Gemeinschaftsleben insgesamt prägte.

Nach dem Heiligendreikönigstag folgt bekanntlich die Faschingszeit mit all ihren Lustbarkeiten. Unsere Burschen und Mädl, die ohnehin ein unruhiges Sitzfleisch hatten, tummelten sich in dieser Zeit sonntags auf dem Tanzboden und freuten sich ihrer Jugend. Auch in der Faschingszeit wurde "geburscht", nur mit dem Unterschied, daß diesmal keine Tanzhütte aufgestellt und kein Tanzmeister gewählt wurde. Die "Buasch" fand am Faschingssonntag statt.

Wenige Landsleute waren es, die sich mit Kurzgeschichten am Heimatbuch beteiligten. Vielleicht weilten die alten Wandorfer Erzählerpersönlichkeiten bei der Erstellung des Heimatbuchs nicht mehr unter den Lebenden. Es gab sie aber noch bei der Vertreibung der Deutschen, die aus der reichen Vergangenheit unserer Gemeinde über interessante Ortsvorkommnisse zu berichten wußten.