"Wandorf ist ein Unikum. Dies ist auch aus der Geschichte der Gemeinde ersichtlich. .... Ich konnte nicht objektiv sein, wo ich doch zum größten Teil mein elf Jahre andauerndes Ringen mit dieser eigenartigen Gemeinde beschreiben mußte. Manchmal ärgerte ich mich über sie und hielt die Lage für unerträglich. Heute liebe ich besorgt diese Gemeinde, öfters noch verwundert über ihr Unikumwesen, und staunend kann ich mit einer verständnisvollen Liebe sagen: Es gibt nur ein Wandorf."
Prof. Pröhle (1950), übersetzt aus dem ungarischen von Matthias Ziegler
 

 

"Es gibt nur ein Wandorf." Dies pflegte der wiederkehrende Schlußsatz der Wandorfer Ureinwohner zu sein, wenn sie von Wandorf sprachen. Die Liebe zur Heimat spricht aus diesen Worten. Fremde blicken oft geringschätzig auf das ärmliche Dorf mit seinen engen Höfen, doch die Eingeborenen lieben diese kleinen Hauser, die sich im Tal und an die Hügelabhänge anschmiegen, und die sie oft durch ihrer Hände Arbeit geschaffen haben. Sie lieben auch die herrliche Umgebung Wandorfs. Nicht nur des trockenen Holzes, der Pilze und Beeren wegen gehen sie in die Wälder, sogar die alten Frauen zieht es dort hin, um gute Luft zu schöpfen und den Vogelsang zu genießen. Wenn Wandorfer in stiefmütterlichen Zeiten gezwungen waren in der Fremde ihren Unterhalt zu verdienen, so kamen sie, wenn irgendwie möglich, zurück, denn "Es gibt ja nur ein Wandorf."

a) Der Erste Weltkrieg
Wir haben kaum Angaben darüber, wie der Erste Weltkrieg das Leben der Gemeinde beeinflußte. Anfangs war es die Erregung des Krieges, dann die Nachrichten über die Kriegsverluste, später die Sorgen über die steigende Teuerung, die die Menschen beschäftigte. Die aus kirchlicher Hinsicht gefährlichen Lehrer verschwanden. Ein Großteil der Männer – natürlich auch die Freidenker – waren auf den Kriegsschauplätzen. So verstummten die antikirchlichen Töne. Edmund Scholtz konnte nur selten nach Wandorf kommen. Das Schulgebäude wurde 1913 erweitert und die Gemeinde bezahlte geduldig die Amortisation und trug die immer größer werdenden Kosten der Schulheizung. 1916 nahm man der Gemeinde für Kriegszwecke die große und kleine Glocke: Viele beweinten sie! Wegen der Teuerung mußte man sich oft in den Versammlungen mit den Gehältern beschäftigen, aber es erschienen oft nur 1 – 2 Menschen. Auf die ständig verschickten Bittgesuche trafen immer wieder aus- und inländische Spenden zugunsten unseres Verselbständigungs-Fonds ein.

Der Name Wandorfs: Zoan, Zuan, Wandorf, Wondorf, Bondorf, Bánfalva, Sopronbánfalva. Der älteste schriftliche Beleg: Die vom 20. November 1277 datierte Urkunde des Königs Ladislaus IV., in der er dem Ödenburger Richter Stefan das Zuan genannte Grundstück aus dem Ödenburger Burgeigentum verlieh. Die Einwohner waren damals, 1292, Magyaren, Leibeigene der Stadt. Die im Ortskern stehende, im romanischen Stil erbaute Sankt Magdalenenkirche stammt noch aus der Arpadenzeit. Im 14. Jahrhundert entstand auf dem heutigen Klosterberg eine kleine Kapelle mit einem tragbaren Altar, die im Jahre 1454 zu Ehren des Heiligen Wolfgang geweiht wurde. Die Kirche erhielt 1482 das Wallfahrtsrecht und wurde so ein beliebter Wallfahrtsort.1482 gründete die Stadt das Pauliner - Kloster, und seitdem betreuten die Pauliner die Einwohner des Dorfes.

Quelle: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde in Wandorf
Prof. Pröhle (1950), übersetzt aus dem Ungarischen von Matthias Ziegler


Die Pauliner flüchteten 1529 vor den Türken nach Wiener Neustadt und kehrten erst ungefähr 100 Jahre später zurück. Inzwischen breitete sich die Reformation aus. Die katholische Kirchengemeinde Wandorf schloss sich der Agendorfer Pfarrei an. Ein selbständiger evangelischer Geistlicher war nicht vorhanden: Der Rat der Stadt stellte einen evangelischen Pfarrer mit Sitz in Agendorf für die westlich von Odenburg gelegenen Stadtdorfer Agendorf, Wandorf und Loipersbach. Das Volk war evangelisch geworden. Die kleine Kirche wurde nun von den Evangelischen benutzt.

Quelle: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde in Wandorf
Prof. Pröhle (1950), übersetzt aus dem Ungarischen von Matthias Ziegler


Von der Proletardiktatur aus dem Jahre 1919 haben wir kaum Angaben. Wandorfs breite Schichten kannten seit langem die Lehren des Marxismus und infolge ihrer proletarischen Lage waren sie auch geeignet, dieselben aufzunehmen. Aus der Zeit der Kommune sind keinerlei Ausschreitungen bekannt; aus der Zeit der Gegenrevolution auch keine Vergeltungen.

Die verhängnisvolle Folge des ersten Weltkrieges war, daß auch in Wandorf die deutsche Minderheit zu ihrem nationalen Selbstbewußtsein erwachte. Der Plan eines Anschlusses an Österreich wühlte schon am Anfang der zwanziger Jahre das Seelenleben der Gläubiger auf. ¾ der Bevölkerung fühlten sich als Deutsch. Die Regierung der Gegenrevolution wollte der herannahenden Gefahr damit begegnen, daß sie 1919 jeden Wunsch der Minderheit erfüllte. Von heut auf morgen führte man die deutsch Amtssprache ein. Die Folge davon war, daß die deutsche Bevölkerung noch fordernder wurde und auf Jahrzehnte hindurch das Vertrauen zur Regierung verlor.

Das im Jahr 1781 in Kraft getretene Toleranzedikt fand in den drei benachbarten Gemeinden gut über 100 evangelische Familien vor. ( In Agendorf, Wandorf und Loipersbach zusammen 1.900 Seelen). so daß dieselben 1783 Matthias Harnwolf zu ihrem Seelsorger berufen konnten (1783-1809). In dieser Zeit organisierte sich die Gemeinde, baute eine Kirche und gründete eine Schule. Die Bevölkerung Wandorfs half munter beim Agendorfer Kirchbau mit. Gemäß dem Ordens - Erlaß Kaiser Josef II. wurde 1786 das Wandorfer Pauliner-Kloster aufgelöst.

a) Finanzielle Angelegenheiten
Die Kirchengemeinde kam während des Krieges und in den kritischen Zeiten danach schwer, aber getreulich den der Schule gegenüber übernommen Pflichten nach. Die Schülerzahl stieg kaum mehr an.

a) Die schnelle Entwicklung der Gemeinde.
Auffallend war der Bevölkerungszuwachs, der weit über dem Landesdurchschnitt lag. Von 1816 bis 1900 stieg die Bevölkerungszahl von 820 auf 1.578. Dieses grosse Wachstum wurde durch eine überdurchschnittliche Vermehrung verursacht. Die klein angelegte Einwanderung kam mehr den Katholiken zugute. Die Gesamtfläche der Gemeinde betrug knapp 900 Katastraljoch. Davon waren 240 Joch Wald und 600 Joch Anbaufläche. Das Land war zu zerstückelt, es bot der wachsenden Bevölkerung keine Arbeitsmöglichkeit und Lebensunterhalt. Die Gemeinde zeigte äußerlich weiterhin den Charakter eines Dorfes, aber ihre soziale Struktur änderte sich. In der ursprünglichen Agrargemeinde fanden wir am Ende des Jahrhunderts nur noch 30 - 35 Bauern und dreimal so viel Kleinhäusler. Der Großteil der Bevölkerung arbeitete in den Ödenburger Fabriken und in der Brennberger Kohlengrube. Außerdem fanden viele im Handwerk und Handel eine Anstellung. Nachdem der ursprüngliche Dorfcharakter verlorengegangen war, aber der ordnende Verwaltungsapparat der Stadt fehlte, glich Wandorf mehr und mehr den übelbeleumdeten Vorstädten.

a) Das Verhältnis zwischen Gemeinde und Pfarrer
Edmund Scholtz sah ein, daß man sich mehr um die Gemeinde kümmern sollte. Die Wandorfer gewöhnten sich in Verbindung mit der Verselbständigung daran, daß sie nicht mehr nach Agendorf zum Gottesdienst mußten und erwarteten nun, daß der Pfarrer zu ihnen komme. Edmund Scholtz schickte seine Kapläne monatlich zweimal nach Wandorf.

Im Jahre 1893 wählte die Gemeinde Edmund Scholtz zu ihrem Pfarrer. Scholtz wurde am 27.1.1869 in Oberungarn (Zips) geboren. Zwei Jahre war er Kaplan Fleischhackers und 47 Jahre Geistlicher der Gemeinde.

a) Meine Beauftragung
Die Kirchenleitung benutzte die Pensionierung Edmund Scholtz` zur Vollziehung der Verselbständigung Wandorfs. Die Generalversammlungen von Diözese und Seniorat sprachen sich schon 1938 für die Notwendigkeit der Verselbständigung Wandorfs aus. Senior Ludwig Ziermann kam am 1. November 1938 in die Gemeinde, damit er sich über die allgemeine Stimmung orientieren konnte. Er empfahl der Gemeinde die Verselbständigung damit, daß der am Ort wohnende Pfarrer den einzelnen Gemeindegliedern in allem ein Ratgeber und Betreuer sein werde und daß die Verselbständigung die Gemeinde nicht weiter finanziell belasten würde, im Gegenteil, denn der Fuhrlohn für den Pfarrer fiele ja in Zukunft weg. Die Stimmung der Anwesenden war zurückhaltend. Viele waren wegen der eventuellen Lasten besorgt. Der Herr Bischof versetzte mich mit Wirkung vom 1. Januar 1939 nach Wandorf und beauftragte mich mit der selbständigen Leitung der Gemeinde als Prediger, Seelsorger und Kirchengemeinde-Verwalter. Ich erhielt somit in Wandorf einen selbständigen Wirkungskreis. Nach Agendorf kam gleichzeitig Paul Beyer als Pfarrstellvertreter. Ich war von ihm unabhängig, nur die Angaben für die Matrikel mußte ich bis zur Verselbständigung melden.

a) Die Sanierung des Gemeindehaushalts.
Edmund Scholtz begann nach seiner Wahl mit jugendlichem Schwung die äußeren und inneren Angelegenheiten der Gemeinde zu ordnen. Tatkräftig drängte er auf die Eintreibung des aufgelaufenen Kirchensteuerrückstandes. Sogar von einer Inanspruchnahme des Gerichtsvollziehers schreckte er nicht zurück! Er drängte auch, daß die Kirchengemeinde ihre Schulden bei der Witwe Karl Fleischers und die vom Schulbau 1887 zurückgebliebenen Schulden beglich. So konnte er dann 1902 bekanntgeben, dass die Kirchengemeinde seit Jahrzehnten wieder schuldenfrei sei.

a) Kirche oder Pfarrhaus?
Der Obersekretär des deutschen Gustav-Adolf-Vereins Dr. Bruno Geißler besuchte mich am 12.1.1939 um an Ort und Stelle festzustellen, wie weit die Vorbereitungen für den Kirchen- und Pfarrhausbau gediehen seien. Er erklärte, daß die Leitung der Gemeinde schon seit Jahren verspräche, daß mit dem Bau begonnen würde und die Gemeinde deshalb immer wieder Beihilfen erhielte. Der Gustav-Adolf-Verein werde die Spenden so lange sperren, bis mit dem Bau begonnen sei, und wenn das nicht bald geschähe, würde er die bisherigen Spenden anderen zukommen lassen. Wir unternahmen die notwendigen Schritte, doch sofort tauchte die Frage auf: Was bauen wir? Kirche oder Pfarrhaus? Im Jahre 1937 hätten wir mit der vorhandenen und der zu erwartenden Summe wahrscheinlich noch beides erstellen können. Jetzt, nach der Teuerung, war nur noch ein Objekt zu verwirklichen. Seit Jahrzehnten hatte sich im Bewußtsein der Gemeinde folgende Reihenfolge festgesetzt: Kirche, Pfarrhaus und dann die Verselbständigung der Gemeinde. Mit der Verselbständigung änderte sich die Reihenfolge. Zum Pfarramt gehört ein Pfarrhaus. Auch andere Gesichtspunkte sprachen dafür. Ein gottesdienstlicher Raum war ja auch vorhanden. Und für einen eventuellen Kirchenbau reichte das Geld bei weitem nicht aus; der Kirchenbau hätte die Gemeinde so stark erschöpft, daß man lange Zeit hindurch nicht an den Pfarrhausbau hätte danken können. Wegen der Wohnungsverhältnisse in Wandorf war der Bau des Pfarrhauses dringend nötig. Eine Zweizimmerwohnung war kaum vorhanden und in der überfüllten Gemeinde hätte man auch für teures Geld keine entsprechend Wohnung finden können. Nach Abwägen all dieser Gesichtspunkte kam am 2.4.1939 der Entschluß der Hauptversammlung zustande, wonach zuerst das Pfarrhaus und dann die Kirche gebaut werden sollte.

a) Die Sanierung des Gemeindehaushalts.

a) Die Vorgeschichte der Verstaatlichung.
Die Generalversammlung der Diözese forderte 1901 die Gemeinde auf, dass sie in Anbetracht der grossen Kinderzahl einen dritten Lehrsaal baue und eine dritte Lehrerstelle einrichte. Die Schülerzahl überstieg schon bald die 200 und wurde dennoch nur von 2 Lehrern unterrichtet.

a) Neue Wirkungskräfte in der Gemeinde
Im Jahre 1939 fingen gleichzeitig drei neue Wirkungskräfte in der Gemeinde an, tätig zu werden: Der zweite Weltkrieg, der Volksbund und die neuerdings in Schwung gekommene Gemeindearbeit. Die Wirkung des Krieges offenbarte sich anfangs nur darin, daß die Deutschen seit 1938 Woche für Woche den Einmarsch Hitlers erwarteten. Später war der Krieg durch die Teuerung und die allgemeine Ruhelosigkeit spürbar geworden. Das angenehme Symptom des Krieges war bei uns die behobene Arbeitslosigkeit. Seit 1939 hatten unsere Arbeiter gute Arbeitsgelegenheiten und gute Einkünfte. Viele arbeiteten in Deutschland, so daß sie nur von Zeit zu Zeit heimkamen. Diese andauernde Bevölkerungsbewegung war jedoch nicht geeignet für das Erkennen und Betreuen der Gemeinde. Am Anfang begeisterte sich die Bevölkerung für den Krieg. Jedoch ließ dies nach, als er seine Opfer forderte. Die großdeutsche Bewegung verstärkte sich gleichfalls nach 1938 in unserer Gemeinde. Seit 1939 versuchte sie sich im Rahmen der Kirche geheim zu organisieren. Als das nicht möglich war, machte sie kehrt und nahm eine antikirchliche Richtung ein. Später wird davon ausführlich die Rede sein. Zweifellos war die Unsicherheit des Krieges und die Verbreitung des großdeutschen Geistes ein ungünstiger Zeitpunkt für den Beginn einer intensiven kirchlichen Arbeit und größerer kirchlichen Unternehmungen, wie Verselbständigung und Pfarrhausbau. Dies erklärte auch die vielen Spannungen zwischen Gemeinde und Pfarrer in dieser Zeit. Aber es war auch unzweifelhaft, daß dies die kirchliche Arbeit in Gang brachte.

a) Durchzug der Front
Die Front erreichte im Herbst 1944 die Karpatenlinie. Unsere Deutschen wurde mit Hilfe der Gendarmerie von einer aus deutschen Offizieren bestehenden Kommission gemustert und in die SS-Einheiten eingereiht, sogar die über 42jährigen. Unsere Deutschen gingen jetzt nicht mehr mit Begeisterung umher sondern waren innerlich gebrochen, und die Älteren schrieben mit bitterem Hohn an die Wände der Waggons: "wir alten Affen sind die neuen Waffen!".
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