Wenn eine Siedlung über mehr als 2000 Jahre bewohnt wird und noch dazu lückenlos ein „zentraler Ort“ bleibt, sagt dies einiges über die Lagegunst aus. Es gibt wohl im ganzen Bereich des Überganges vom Ostalpenraum zur Kleinen Ungarischen Tiefebene keinen Platz, der günstiger gelegen war und ist. Ruster Hügelland und Neusiedler See im Norden und Ödenburger Bergland im Süden lassen einen schmalen, nur wenige Kilometer breiten „Durchlass“, die Ödenburger Pforte, offen.

huegelgrab 02Auf dem Gebiet der Stadt Ödenburg und der Stadtdörfer gab es schon in der Jungsteinzeit zahlreiche bäuerliche Siedlungen, etwa am Spittelbach (nach dem Johanniterspital in der Stadt benannt; ungarisch heute Ikva; nach Kranzmayer und Bürger von germanisch oder althochdeutsch Aikahwa = Aichach; siehe dazu und zum Gewässernetz den Aufsatz von K. Kaus (4)Quelle/Hinweis:
Kaus, K.: Nodbach und Ikva entspringen in Baumgarten. In: Aus der Pforte Nr. 9, Dezember 2008, S. 4–6.
. Immer wieder tauchen neue Funde aus dieser Zeit auf, die die frühe bäuerliche Besiedlung belegen. Erst in den vergangenen Jahren konnte Dr. Kaus durch Oberflächenfunde ein jungsteinzeitliches Dorf, das etwa in der Zeit um 5500 bis 5000 v. Chr. bestand, lokalisieren. Es lag in der Nähe des Bahnhofes Loipersbach - Schattendorf. Gefunden wurden für die Linearbandkeramik typische Gefäßscherben und auch Steinwerkzeuge. In unmittelbarer Nähe wurden auch für die Kupferzeit (Badener Kultur) typischen Gefäßteile gefunden.

Wie die Bezeichnung Scarabantia Iulia beweist, durften die ansässig gewordenen Römer noch in der Zeit des Tiberius (14–37 n. Chr.) das Bürgerrecht in Anspruch nehmen. Plinius bezeichnet die Stadt als Oppidum Scarabantia Iulia. In Scarabantia kann man an Hand der Grabdenkmäler sehr schön beobachten, wer die neuen Bewohner der Stadt waren. Neben den ausgedienten Soldaten waren es vor allem Vertreter italienischer Handelshäuser, die sich hier niederließen. Die neuen Provinzen waren offenbar ein Eldorado für Freigelassene, die hier im Auftrag ihrer italienischen Stammhäuser Geschäfte aufbauen und Karriere machen konnten. Viele scheinen zu Reichtum und Ansehen gekommen zu sein. Beispiele wären etwa Hilarus, ein Freigelassener der Familie Sempronius, der aus Dalmatien stammte und 90 Jahre alt wurde, und seine Frau Sassa, die aus Dakien kam und 70 Jahre alt wurde.

In eine neue und sehr interessante Phase trat Scarabantia zu Beginn des 4. Jahrhunderts ein, zu einer Zeit, als die Städte an der Grenze bereits im Niedergang begriffen waren. Offenbar spielte die Stadt als militärischer Etappenort und als Handelsort eine wichtige Rolle. Sie lag an der damals immer wichtiger werdenden Nordwest – Südost – Querverbindung, die von Vindobona (Wien) über Savaria und von dort weiter nach Sopianae (Fünfkirchen, Pécs) und nach Sirmium führte. Die Stadt blühte in dieser Zeit erneut auf. Die Stadtmauer wurde erneuert, alte Gebäude erweitert und zahlreiche neue Gebäude errichtet. Einzelfunde weisen auf einen beträchtlichen Wohlstand in der Stadt hin. Aus dieser Zeit stammt auch ein neues großes Gräberfeld an der Bernsteinstraße. Die Grabbeigaben lassen vereinzelt auf eine christliche Gemeinde schließen.

abb scarabantia_609x799Alle diese Fakten, die archäologischen Befunde, die ein noch immer funktionierendes städtisches Leben, eine dichte Bevölkerung, die Fortsetzung der Handelsbeziehungen und die Existenz einer christlichen Gemeinde unter einem eigenen Bischof mitten in den „Wirren“ der Völkerwanderungszeit ergeben jedenfalls ein Bild, das mit den früheren Vorstellungen von einer weitgehend verwüsteten, verödeten, menschenleeren Provinz Pannonien nichts gemein hat. Natürlich hat das Ende der römischen Verwaltung und Staatlichkeit ihre Spuren hinterlassen, das Leben ging aber weiter. Bevorzugte Plätze wie Scarabantia – Ödenburg – Sopron bleiben eben nicht unbesiedelt.

abb04Das Territorium der Stadt Scarabantia reichte im Süden bis zur Rabnitz, wo es an das Gebiet von Savaria grenzte, im Westen bis zum Alpenrand und zum Leithagebirge, im Norden etwa bis zum Nordende des Neusiedler Sees bei Neusiedl und zum Sumpfgebiet des Waasens (Hanság). Im Osten sind die Grenzen nicht genau bekannt. Auf dem Gebiet der Stadt lagen zahlreiche Landgüter (villae), deren Besitzer man aus Inschriften auf Grabsteinen und Altären sehr oft bestimmen kann. Dazu einige Beispiele. In unmittelbarer Umgebung von Scarabantia etwa, am südlichen Stadtrand in den Löwern (Lövérek) hatte in sehr schöner Hanglage Titus Petronius Verecundus seinen Landsitz. Ein weiterer Gutshof stand in Harkau (Harka).