abb05 Die Festung von Scarabantia wurde offensichtlich bis 568 bewohnt. Die ungarische Forschung ist der Meinung, nach dem Abzug der Langobarden wäre sie zur „Öden Burg“ geworden (Gömöri, Castrum Supron, 2002). Bis 670 sollen die Stadt und ihre Umgebung ein „nur mit einigen Wachen kontrolliertes Gyepü-Gebiet“ des Awarenreiches gewesen sein. Ab 670 wären die Onoguren als militärische Hilfstruppen gekommen und angesiedelt worden. In der Innenstadt hätten sich aber auch die Awaren und Onoguren nicht niedergelassen. Eine dünne slawische Bevölkerung könnte es gegeben haben. An diesem Bild ist - nicht zuletzt auf Grund der Forschungen Gömöris, einiges zu korrigieren.

Die Inbesitznahme des pannonischen Beckens durch die aus Asien stammenden finnougrischen Magyaren („Landnahme“) ist ein bis heute in der Geschichtsforschung umstrittener Vorgang. Vor allem die Zahl der Magyaren und die Intensität der Durchdringung des riesigen Raumes, der später zum ungarischen Staat gehörte, waren und sind Gegenstand des nationalen Selbstverständnisses. Die magyarische Darstellung dieser Ereignisse und deren Sicht in der übrigen europäischen, insbesondere der deutschen Geschichtsschreibung, sind naturgemäß recht unterschiedlich, auch wenn in jüngster Zeit, mit einer neuen, weniger nationalistischen Generation von Historikern eine gewisse Annäherung erfolgte. So wird heute auch von magyarischer Seite zugegeben, dass die Zahl der in das Karpatenbecken kommenden Magyaren gering war. (8)Hinweis/Quelle:
Genetische Untersuchungen in den Vereinigten Staaten haben gezeigt, dass von den genetischen Grundlagen her nur ein geringer Prozentsatz der späteren ungarischen Nation östlich-asiatischer Herkunft sein kann. Das heißt, die „ungarische Nation“ ist im Hochmittelalter ein Produkt der Herrschaftsbildung einer kleinen Gruppe von Eroberern über die große Zahl der Ansässigen, die romanischer, germanischer oder awarisch-slawischer „Herkunft“ waren und sehr bald in die neu entstehenden Herrschaftsstrukturen einbezogen wurden. Natürlich soll die abstammungsmäßige, verwandtschaftliche Komponente keineswegs vollkommen geleugnet werden, wie dies die „moderne“ Geschichtsschreibung auch häufig tut. Sie lässt diese Komponente ja oft überhaupt unter den Tisch fallen und erklärt ethnogenetische Prozesse ausschließlich als Produkt von Gefolgschaftswesen und Herrschaftsbildung.

abb06Ödenburger Schanze (404 mal 250 m) hat die ovale Form der römerzeitlichen Stadt, sie war an die Innenseite der römischen Stadtmauer angebaut. Sie war etwa 7 bis 8 m hoch. Nach Schätzungen der Archäologen wurden etwa 16 500 m³ Holz und 53 500 m³ Füllmaterial (Erde, Schutt) für den Bau verwendet. Die Holzkammern, 8 bis 9 Reihen, wurden aus roh behauenen Fichten- und Eichenstämmen mit einer durchschnittlichen Länge von 1,5 bis 2 m gezimmert und dann mit Material aus der Umgebung (Siedlungsabfälle aus der Stadt und Erde aus dem Stadtgraben) aufgefüllt. Nach innen zu fielen die einzelnen Holzkammerreihen treppenförmig ab. An der Innenseite waren wahrscheinlich Holzblockhäuser angebaut. Die beiden Toranlagen aus der Römerzeit wurden ebenfalls in die Befestigung einbezogen. Später hat man dann den Stadtturm auf einem der römerzeitlichen Tortürme errichtet. Die Befestigungsanlage ist, vermutlich während einer Belagerung, von innen her ausgebrannt.

Schon an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert ist die „Burg“ wieder „unbewohnt“. Es ist dies die Zeit, in der sich das magyarische Grenzverteidigungssystem längst als antiquiert erwiesen hatte, die „Grenzwächter“ aus dem Osten durch Ritter und Bauern aus dem Westen abgelöst worden waren und die Burgkasernen der Magyaren durch aufblühende deutsche Städte mit einer weit höheren Verteidigungs- wie Finanzkraft abgelöst wurden. Im 12. Jahrhundert kommen auch in Ödenburg zur bereits bestehenden Bevölkerung die „hospites“, die von den ungarischen Königen gerufenen Neusiedler aus dem Westen, also hauptsächlich Deutsche. Sie siedelten sich in der „Vorstadt“, im Bereich um die Michaelerkirche, an. In dieser Zeit entstanden auch die neuen deutschen Bauerndörfer in der Umgebung der Stadt, durchwegs planmäßige Anlagen im Anschluss an bereits bestehende kleinere Siedlungen.

Die folgenden, komplizierten Wirren seien etwas genauer geschildert, weil sie die immer etwas prekäre Situation Ödenburgs zwischen Ungarn und Österreich exemplarisch aufzeigen, aber auch einen Blick in die politischen und sozialen Konflikte in der Stadt ermöglichen.

abb091277 wurde Ödenburg vom ungarischen König also zur Stadt erhoben und erhielt umfangreiche Privilegien. Von der Stadterhebung bis zum Ausgang des Mittelalters wurde die Königliche Freistadt Ödenburg zu einer der größten und reichsten städtischen Siedlungen des Königreiches Ungarn. Sie war eine der sieben königlichen Freistädte, die eine Art Städtebund bildeten (Ofen, Preßburg, Kaschau, Tyrnau, Bartfeld und Eperjes-Preschau). Sie bildeten gemeinsam einen eigenen Gerichtshof, aus dem der Adel verdrängt wurde. Grundlage des gemeinsamen Tabernikalrechtes war das Ofener Stadtrecht, das seinerseits auf das Magdeburger Recht zurückgeht.

Die Verwaltung der Stadt und ihr Urkundenwesen war schon im 14. Jahrhundert wohlgeordnet und hat uns eine Reihe bedeutender Dokumente hinterlassen, die in der Stadtgeschichte Ungarns einzigartig sind und uns ermöglichen, die Geschichte Ödenburgs im ausgehenden Mittelalter genau zu durchleuchten. Leider sind viele dieser Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. 1354 war bereits ein Stadtschreiber, Magister Seifried (Sewfridus, Házi I/1, S. 104) angestellt. Die Stadtverwaltung ging von der lateinischen auf die deutsche Urkundensprache über.

Bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts stand der Stadtrichter (iudex, villicus) an der Spitze der Stadtverwaltung, ihm zur Seite ab etwa 1310 zwölf Geschworene (iurati). Sie wurden ab dem 14. Jahrhundert als „Rat“ bezeichnet. Sie wurden jährlich am St. Georgstag (23. April) von der Bürgerschaft gewählt. Ab den 1320er-Jahren wählten die Ödenburger, d.h. der Innere Rat, nach dem Vorbild der deutschen Städte (anders als in den meisten ungarischen Städten) einen Bürgermeister (magister civium), der schon im 14. Jahrhundert rangmäßig über dem Stadtrichter stand. Bürger waren alle Hausbesitzer. Ab dem 15. Jahrhundert konnten die Bürger am Markustag (25. April), also nach der Ratswahl, öffentlich ihre Meinung sagen und Kritik an der Stadtführung vorbringen.