Von Frau F. aus Wien, der Tochter des Herrn Jung, hat uns folgender Bericht erreicht:
 
Karl Jung, aus Ödenburg
 
Das ist die Geschichte meines Vaters, der 1946 aus Ödenburg vertrieben wurde. Ich habe die Anekdoten. die ich als Kind oft hörte. aus meiner Erinnerung niedergeschrieben. Es handelt sich hierbei nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ich kann nicht mit besonderen Insider-Fakten der Geschehnisse ab 1920 bis zum Heute aufwarten. Was ich bieten kann ist ein Einblick in eine Ödenburger Familie, die es nicht leicht hatte und ewig um Anerkennung und Würde kämpfte. Es liegt mir fern, jemanden dabei in Misskredit zu bringen, ich gebe nur wider, was mir erzählt wurde:
Mein Vater wurde als Karoly Hawel in Ödenburg, Kuruzenberg Nr. 1 am 20.4.1929 geboren und damit begann die Tragödie.

Sein Vater war der Weinbauernsohn Karl Jung (geb. 1907), der im elterlichen Anwesen am Kuruzenberg wohnhaft war und als logischer Nachfolger die Winzerdynastie weiterführen hätte sollen. Seine Mutter, Rosina Hawel (geb. 1907), stammte aus Fußdorf (Rantirov) in der Gemeinde Breitenhof, nahe Iglau (Jihlava) in der heutigen Tschechischen Republik und ist 1920 mit ihrer Mutter, Elisabeth Hawel geb. Henrik (geb. 1883), und mit weiteren 4 Schwestern nach Ödenburg zugezogen.
Man kann sich vorstellen was dies in diesen unstabilen Zeiten bedeutete. 1920 erlaubte sich eine Frau mit fünf Mädels in einer fremden Stadt Fuß fassen zu wollen. Von meinen Urgroßvater, Josef Hawel, wissen wir so gut wie nichts, er ist entweder verstorben oder die Ehe wurde geschieden. Beide Möglichkeiten standen im Raum und wurden, warum auch immer, mit vorgehaltener Hand ausgesprochen. Nun, was wir wirklich wissen ist, dass meine Urgroßmutter eine sehr geschäftstüchtige Person war, resolut und impulsiv, voller Energie. Sie zog von Fußdorf in der Tschechoslowakei nach Ödenburg mit Kindern im Alter von 4, 9, 13, 15 und 16 Jahren. Ihr Sohn, er war das älteste Kind (Name und Geburtsdatum unbekannt) ist im 1. Weltkrieg gefallen, kaufte eine heruntergekommene Kalkbrennerei und betrieb diese einige Zeit. Sie beschäftigte einige Arbeiter und muss von diesem Handwerk etwas verstanden haben, da sie es als Existenzsicherung wählte.
Eine Frau in einer Männerdomäne - verwitwet oder vielleicht sogar geschieden - in einer fremden Stadt, in einem fremden Land - dies kann nicht gut gehen. Also verkaufte sie den Betrieb als die Geschäfte nicht so gut liefen und eröffnete eine Bäckerei.
Als meine Großmama Rosina ihren Karl kennen- und lieben lernte, war das Poncichter-Ehepaar Gottlieb und Maria Jung von der Wahl des Juniors nicht begeistert. Vielleicht duldete man eine Liaison; der Junge soll sich austoben, aber eine Heirat war nicht vorgesehen. Die Jung-Mutter hatte mit Sicherheit eine junge, reiche Winzerin als Schwiegertochter im Visier. Rosina Hawel bot nicht einmal eine dementsprechende Mitgift, dass man den Makel der "Zurgrasten und nicht-Winzerin" übersehen hätte können. Nun war die junge Frau vom Jung-Winzer schwanger und der Sohn ließ nicht ab von ihr. Er brachte die unmögliche schwangere Person ins Haus und lebte mit ihr in wilder Ehe. Die Schande war enorm, die Entehrung der Familie gegeben. In der damaligen Zeit vermutlich der Ruin.
Die Jung-Mutter setzte ihren Sohn vor die Wahl, diese Frau mit ihrem "Pangert" oder der Grundbesitz. Karl entschloss sich für Frau und Kind. Er erkannte innerhalb von 2 Tagen nach der Geburt die Vaterschaft an und suchte sich einen Posten als Malergehilfe bei den Gebrüdern Ferenc und Karoly Sterbenz. Von seinem dürftigen Gehalt ernährte er die kleine Familie und sparte die Kosten seiner "Essensschuld" zusammen, die seine Mutter zurückverlangte.
Nach knappen 5 Monaten hatte er das Geld beisammen, zahlte und zog aus der Jung-Villa am Kuruzenberg aus. Die erste Station war die Wohnung der Hawel-Mutter in der Wienerstraße 96. Als das junge Paar im August 1929 heiratete zog sie als bald in eine Mietwohnung auf Zimmer + Küche, in der Wienerstraße 16.
Dass die Alt-Jung-Mutter vor Gift und Galle hüpfte, kann man sich vorstellen. Die Ehre der Weinbauernfamilie war zerstört, den geliebten Sohn hatte sie verloren - die Altersversorgung, die ein Jungbauer übernahm, war nicht mehr gegeben. Die böse Schwiegertochter war schuld am Ende der Jung-Dynastie. Dieser unermessliche Ärger gipfelte in der Verfluchung der Kinder ihres Sohnes durch die Alt-Jung-Mutter.
Nun kann man über Flüche denken wie man will, ich kann nur eines dazu sagen. Generation litten und leiden noch immer darunter. Der Fluch hat sich in dieser Familie manifestiert und kommt immer wieder ins Gerede. Jede Krankheit, jeder Misserfolg endet damit, ja wir sind ja verflucht. Oder das haben wir der Alt-Jung zu verdanken, die hat uns verflucht.
Natürlich kann ich die Enttäuschung der Alt-Jung verstehen, sie sah ihr Lebenswerk zerstört, das Ansehen in der Gesellschaft war dahin, die Schande des unehelichen Kindes und vieles mehr. Das Alt-Ehepaar Jung brachte es in Ödenburg zu Wohlstand. Ob der Grundbesitz ererbt oder erarbeitet war entzieht sich meiner Kenntnis, vermutlich beides. Sie besaßen ein Winzerhaus, die sogenannte Jung-Villa am Gipfel des Kuruzenberges, genau gegenüber der großen Windmühle und der Kaserne. Von dort hat man einen wunderschönen Ausblick über Ödenburg. Noch heute spricht man voll Stolz von diesem Haus.
Der Poncichter Gottlieb Jung, hatte Brüder: Julius und Familie wohnten Kurucdombsor 3. Ein anderer, dessen Name mir nicht bekannt ist, war Winzer in Donnerskirchen im Burgenland. Gottlieb Jung war wohlhabend und seine Frau Maria, geborene Taschner, muss ebenfalls aus gutem Hause gestammt haben. Ihre Rieden hatten sie am Wienerberg. Der Irnfried, so der Riedname, reichte laut den Angaben meines Vaters, von der Hinterseite der Wiener Straße bis zur oberen Mauer der Mauer dülö. Die Breitseite begann bei der Koronazodomb und endete bei der Mely utca. In gleicher Breite setzte sich der Weingarten unterhalb der Storno Ferenc utca fort. Ich kann mich noch gut erinnern, als mein Vater sagte: „Das Hotel Sopron haben sie auf unseren Irnfried gebaut". Genauso sprach er davon dass die heutige Bundesstraße 84 genau durch den Weingarten führt.

Der blau gepunktete Teil war der "Lange Steiger". Er war ein kleiner Teil des Anwesens, das aus unbekannten Gründen 1936 an meine Großeltern von den Urgroßeltern gekauft wurde. Also aus Nächstenliebe war es sicherlich nicht und Geld hatten die jungen Jung auch nicht. Meine Überlegungen gehen dahin, dass Großvaters Schwester Käthe in diesem Jahr die Geschäftsfähigkeit (zu mindestens ist dies in Österreich so) erlangte, sie war 1936 24 Jahre alt geworden und vielleicht hat man ihr deswegen den Weinbauernbetrieb mit dem Ried "Irnfried" verkauft (geschenkt).
Vielleicht war der Lange Steiger (1500-2000 Weinstöcke) ein Pflichtteil, den Großvater erhalten musste. Ich besitze einen " Kaufvertrag" wo der Kaufpreis mit 350,-- Pengö angegeben ist. Es entzieht sich leider meiner Kenntnis, wie hoch der wirtschaftliche Wert dieses Betrags einzustufen ist. Ob es sich dabei um eine Anerkennungssumme oder um einen realen Kaufpreis handelte. Geld ist sicherlich nicht geflossen, da Karl und Rosa nie welches hatten. Hundertprozentig sicher ist, dass Karl und Rosa von einer Hofübergabe an Käthe nicht informiert waren. Dies ist erst meiner Großmutter 1965 bewusst geworden.
Die drei Jung-Töchter Maria, Theresia und vermutlich auch Käthe haben jede eine Mitgift bei ihren Hochzeiten erhalten, wie es eben so üblich war. Der Sohn Karl wurde als Hoferbe erzogen, bei seiner Heirat 1929 aber von seiner Mutter verstoßen. Gottlieb Jung muss ein sehr ruhiger und bescheidener Mann gewesen sein, der für seine Weintrauben und dessen vergorenen Saft lebte.
Seine Frau führte die Geschäfte und er ließ sie schalten und walten, denn sie war eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Maria Jung war herrschsüchtig, eigensinnig und vor allem geizig. Sie war es nicht gewöhnt, dass ihr widersprochen wurde.
Dass ihr Sohn Karl diese Gene von ihr geerbt hat und gegen sie richtete weil er die Liebe seines Lebens gefunden hatte, konnte sie beim besten Willen nicht begreifen. Sie sah in der Schwiegertochter eine Feindin, die ihr den einzigen Sohn wegnahm und ihr schwer erarbeitetes Ansehen zu Fall brachte. Sicherlich hatte die Frau andere Heiratspläne für ihren Sohn im Sinn, die mit einer Wirtschaftsfusion verbunden waren.
Rosina Hawel war ein lebenslustiger Mensch, die bis zu ihrem Tod in ihren Karl verliebt war. Vielleicht etwas leichtsinnig, unbeschwert und naiv. Eben ein junges Ding, das in den Tag hineinlebte und der Welt ein Loch schlug. Vielleicht hätte sie der künftigen Schwiegermutter ihren guten Willen zeigen müssen und durch tüchtige Hilfe bei der Weingartenarbeit ihr Herz gewinnen können. Rosa war eine hervorragende Köchin, sie hätte sich im Haushalt unentbehrlich machen können. Sie war halt ein bisserl abgehoben und glaubte, mit den Kopf durch die Wand zu müssen.
Der Karren war von Anfang an verfahren. Die beiden Frauen waren sich nicht grün. Sie gingen sich so gut wie es nur ging aus dem Wege, ließen kein gutes Haar an der anderen und schimpften übereinander bei jeder Gelegenheit. Beide machten sich ihr eigenes Leben, sowie das der anderen so schwer wie möglich. Jede Kleinigkeit wurde auf geplauscht und sofort verbreitet, dass es nur jeder wisse, wie böse die andere war. Dennoch müssen beide nicht nur schlechte Eigenschaften gehabt haben, denn die Familienbande zerrissen wegen der beiden Streithähne trotzdem nicht.
Mein Vater hatte drei Schwestern. Er war Jahrgang 1929, Maria 1930, Grete 1936 und 1942 kam Nesthäkchen Rosi zur Welt. Großvater war im Winter arbeitslos und nun dem Weine als Konsument zugewandt. Großmutter erhielt von der Hawel-Mutter einen Brotstand am Ödenburger Markt eingerichtet, wo sie die Produkte von ihrer Bäckerei vertrieb.
Wie ich recherchierte, war dieser nur 2x die Woche, also auch nicht besonders lukrativ. Über den Sommer wurde ein Schwein gefüttert, so dass man im Winter in der einkommenslosen Zeit etwas zu Essen hatte. Also Reichtum war weit entfernt. Rosina hatte zu kämpfen, dass sie die Familie über die Runden brachte.
Vater erzählte, dass er seine Schwester Mitzi immer in den Kindergarten bringen musste, da Mami ihrer Tätigkeit als Backwarenstandlerin nachkam. Na ja, der Altersunterschied war 16 Monate. Eine beachtliche Leistung für den jungen Burschen und ein besonderes Gottvertrauen bei der jungen Frau Mama - hoffentlich nur zweimal wöchentlich an den Markttagen. Die Fuhrwerke waren sicherlich nicht so schnell wie Autos, von denen es noch nicht allzu viele gab. Es entzieht sich auch meiner Kenntnis, wie weit der Kindergarten von der Wohnung entfernt war und ob Karl anschließend zur Schule ging oder selber noch im Kindergarten war. Aber für mich ist es undenkbar zwei so kleine Kinder alleine in den Kindergarten zu schicken. Vater musste auch Frühstück machen für seine Geschwister. Wer meinen Vater kannte dem ist bewusst, dass dies nur in einem Chaos enden konnte bzw. dass die Mädl's dies überlebten an ein Wunder grenzte.

Rosina Jung mit Sohn KarlAls mein Vater größer wurde, züchtete er, unter der Anleitung des Hausherrn, Hasen. Es sollen wunderschöne Tiere gewesen sein, die auch Preise gewannen. Er hatte sehr viel Freude damit und seine Augen glänzten regelmäßig wenn er von „den Viecherln" erzählte. Am Bauern-Markt verkaufte er die Tiere und trug somit zum Familieneinkommen bei.
Einmal wöchentlich gab es Fleisch, des Öfteren war es ein Huhn, das am Tisch war. Jeder wollte eine "Hendelhaxe" haben und siehe da das Huhn hatte sechs Beine. Mein Vater dazu lakonisch: " Die Madeln worn so bled, die haben nie gmerkt, dass des halbe Hendl a Hos war." Die Hoppel -Gesellen wollten auch ernährt werden und vis-a-vis befand sich neben der Johanniterkirche ein Kloster mit einem wunderschönen Kleefeld. Vater schickte seine Cousine Ili, Käthes Tochter, in den Klostergarten um Klee zu stehlen. Was diese auch liebend gerne machte, da sie sich damit seine Gunst erhoffte .Oft ging das Unterfangen gut, aber einmal wurde Ili von einer Nonne erwischt und eingesperrt. Als sie nicht nach Hause kam, machte sich Tante Käthe Sorgen und befragte Karl, wo Ili abgeblieben sei. Nun ja, Ili sitzt im Keller der Nonnen, war seine Antwort, was eine Tachtel einbrachte. Tante Käthe, bekam erst nach einem riesigen Wirbel und der Androhung einer Anzeige wegen Freiheitsentzug, ihr geliebtes Kind wieder frei.
Mein Vater erzählte auch, dass er nach der Schule seinen Schulranzen in eine Ecke schoss und mit seinem Cousin mütterlicherseits, genannt " Bubi" (richtiger Name Samuel) auf die Felder und in die Weingärten zum spielen lief. Gegessen wurde mittags, das was die Felder zu bieten hatten. Heim kamen sie wenn es dunkel wurde. Aufgaben machte mein Vater sicherlich nicht regelmäßig, dazu hatte er keine Zeit. Nach den nachmittäglichen Streifzügen durch Feld und Flur kümmerte er sich um seine Hasen. Er ritt auch auf den Schweinen des Hausherrn, wenn dieser nicht zu Hause war. Den Weinhüter seines Großvaters ärgerte man besonders gerne, der den Buben mit dem schwingenden Stock nachlief. Dieser alte Mann war sicherlich nicht zu beneiden bei diesen Schlawinern.

Eine besondere Ehre war es, mit Opa Gottlieb am Pferdewagen zwischen Irnfried und den Kuruzenberg fahren zu dürfen. Oder ihm im Weingarten zu helfen, die Pferde zu versorgen und vieles mehr. Zwischen den beiden herrschte Ehrfurcht, Anerkennung und Liebe. Es war mit ihm immer lustig und aufregend, sie verstanden einander gut. Wenn mein Vater von Großvater Gottlieb Jung sprach, wurde seine Stimme weich und liebevoll. Hingegen erwähnte er die Großmutter nie.

Familie Jung im WeingartenMein Vater verbrachte auch viel Zeit bei seinem Samu Bacsi, dem Gatten der Lisko Neni - der Schwester von seiner Mutter - er war Grünwarenhändler.
Da gibt es zwei Geschichten: Samu – Bacsi fuhr mit Karl über die Grenze nach Wr. Neustadt und im Zollhaus wurde der bekannte Grünwarenhändler von den Zöllnern eingeladen, Platz zu nehmen. Es war draußen kalt und man bot dem Manne neben den Ofen einen Sessel an. Er aber wollte lieber rasch weiterkommen und negierte. "Nein, Samu–Bacsi, setz dich nieder und wärme dich am Ofen auf. Es gibt auch einen Glühwein, bleib nur da", waren ihre Worte der Zöllner. Samuel konnte nicht anders, er musste sich neben den Ofen platzieren. Den Hut nahm er aber nicht ab. Er bekam seinen heißen Wein und musste mit den Zöllnern über alte Zeiten plaudern. Auf einmal floss eine gelbe Flüssigkeit vom Hut herab, über Schläfen und Wangen. "Ja, Samu – Bacsi was ist dir denn? Wie du schwitzt? sagte einer der Zöllner." Sieht doch gerade so aus, wie wenn es Butter wäre, was du am Kopf hast." "Kann aber nicht sein. Butter wäre Schmuggelware und du bist ja ein ehrlicher Mann." sagte ein anderer und klopfte ihn auf die Schulter. Alle lachten, Samu war es unangenehm und er verließ auf schnellem Wege die warme Unterkunft.
Beim nächsten Grenzübertritt brachte Samu für die Beamten frisches Gemüse und Eier mit und alles war vergessen. Vater erzählte, dass Feuersteine, Sacharin und auch Tannenbäume vor allem zur Weihnachtszeit begehrte Schmuggelware waren.
Die zweite Anekdote: Der Samu-Bacsi war mit Karl und klein Mitzi auf einem Fuhrwerk voll Grünwaren unterwegs, als der alte Herr einen fürchterlichen Durst bekam und Einkehr in einem Weinhaus hielt. Karl begleitete ihn und hat sich mit den Männern an einen Tisch gesetzt, Mitzi blieb bei den Pferden. Etwas später kam sie herein und fragte, wie viel das Grünzeug auf dem Wagen wert sei. Samu-Baci nannte eine Summe und Mitzi verschwand wieder. Als der Onkel die Gaststätte verließ, überreichte ihm Mitzi den doppelten Betrag den er genannt hatte, mit der Bemerkung sie habe Ladung verkauft. Bist Du wahnsinnig, sagte Samu-Baci, was hast Du gemacht, du hast zu viel für die Ladung verlangt, das war sie niemals wert. Wir werden eine schlechte Nachrede haben. Ja, kann schon sein, entgegnete Mitzi, ich habe auch noch etwas daran verdient und holte eine Hand voll Geldscheine aus ihrer Schürze.
Mitzi hat die Geschäftstüchtigkeit der beiden Großmütter geerbt. Sie konnte angeblich blitzschnell rechnen, hatte eine große Rednergabe mit Überzeugungskraft und konnte Alles und Jedes an den Mann bzw. an die Frau bringen. Ihre Geschäftstüchtigkeit war legendär bis peinlich. Dabei konnte man ihr nicht böse sein. Sie war ein freundliches, lustiges Kind, das sich mit Schmeicheleien die Herzen der Menschen errang. Wenn man an Mitzi anstreifte, war man bereits Verlierer und Betrogener. Dieser Wesenszug trug nicht zum guten Image der Familie bei.
Gretl war naiv und brav. Sie war ein kleines "Trau mich nicht!" Ihrer großen Schwester konnte sie, Gott sei Dank, nicht das Wasser reichen. Sie hat nie gelogen oder jemanden übervorteilt. Gretl war ein anständiger und korrekter Mensch, der immer ausgenützt wurde. Sie war ängstlich und zurückgezogen, zu schwach um sich durchzusetzen. Hätte man ihr ein Buch gegeben, hätte sie gelesen. Sie war wissbegierig und konnte diese Eigenschaft erst als Erwachsene ausleben. In der Familie wurde sie eher als Naive abgestempelt, denn sie war eben anders als die anderen
Grete war auch sportlich begabt und turnte am Fensterkreuz im ersten Stock oft herum. Einmal fiel sie sogar bei diesen Turnübungen in den Hof. Im Alter stellte man fest, dass eine alte Verletzung - ein unsachgemäß verheilter Wirbelbruch - ihr Beschwerden bereitete. Von ihr weiß ich auch, dass sie als Kinder vom Zimmerkasten in das elterliche Bett sprangen. Dies war äußerst lustig und ein besonderer Kick.
In der Schule fühlte sich mein Vater nicht wohl. Wie denn auch, von zu Hause wurde er zum Lernen nicht angehalten und dies schlug sich auf seinen Lernerfolg nieder. Er besuchte die ungarische Schule und zu Hause wurde Deutsch gesprochen. Die Mutter sprach Deutsch, Ungarisch und vielleicht ein bisserl Tschechisch. Welche Schriftsprache sie in Fußdorf erlernte, weiß ich leider nicht. Vater erzählte von einem sadistischen Lehrer der ihn hasste. Er bekam bei den kleinsten Verfehlungen harte Strafen. Aber nicht nur er sondern alle deutschsprechenden wurden gleich mies behandelt. Der Lehrer hatte einen Kübel Wasser neben den Lehrerpult stehen, in dem ein Seil mit einen Knopf war. Dieses nasse Seil bewirkt, dass besonders harte Schläge verabreicht werden können, die enorme Schmerzen verursachen. Wurde ein Kind bestraft, konnte es wählen zwischen drei Schlägen auf den nackten Popo mit dem nassen Seil und dem Knoten oder zehn Schläge mit einen Rohrstaberl auf die zusammengeführten Fingerkuppe. Vater hasste diesen Mann, der seiner Psyche enormen Schaden zufügte. Dem Vater durfte er sein Leid nicht klagen, dass interessierte ihm nicht und Mutter war zu schwach, dass sie gegen einen Lehrer etwas unter nahm. Somit litt der Bub enorm unter diesen Torturen. Rosina war geprägt davon, dass man gegen die Obrigkeit buckelte und sich in Selbstmitleid badete. Dazu kam eine riesige Portion Angst und Lethargie.
In der Kirche durfte Vater und sein Cousin Bubi den Blasebalg für die Orgel treten. Manchmal wenn sie brav waren durften sie auch die Glocke läuten. Das treten war anstrengend und das läuten, bzw. das hochspringen an dem Seil war hingegen sehr lustig. Somit wurde mangelhaft getreten, dafür umso mehr geläutet. Was natürlich in einer Flut von Watschen seitens des Messners endete.
Beim Abendmahl knieten sich die Buben hin und machte einen Schluck vom köstlichen Messwein. Anschließend ging man reuig in die Reihe zurück um nochmals zum Blut Christi trinken zu dürfen. Der Pastor merkte dies und neigte den Kelch so stark, dass sich der sternförmige Trinkschlitz in den Nasenrücken bohrte. Was natürlich wehtat. Dazu änderte sich das Wort des Pastors von "Blut Christi" zu "Mistbum, glei gibs a Fotzen." Weil man aus Schaden nicht klug wurde, ging man ein drittes Mal zur Kommunen. Der Messner holte die Knaben aus der Reihe, mit dem Ersuchen ihm beim Glockenläuten zu helfen. In der Turmstube viel dann der Watschenbaum über diese missratenen Lümmel herein. Immerhin waren die Rotzlümmel am Sonntag in der Kirche. Die Eltern hingegen nicht, sonst hätte es nicht zu solchen Streichen kommen können.
Wenn Vater diese, lustigen "Geschichterln" erzählte, hatte er immer ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Man sah ihm förmlich die Freude an, die diese Lausbubenstreiche ihm bereiteten.
Mein Vater erzählte, dass er nur im Winter Schuhe zum anziehen hatte, im Sommer lief er Barfuß herum. Großmutter wendete erregt ein, aber zum Essen hatten wir immer genug. Die Jung-Kinder wurden als die "Geschmierten" bezeichnet. Meinen Vater machte dies weniger aus. Die Mädchen schämten sich dafür sehr. Auch sie wollten so schön sein wie ihre Cousine Ili. Gewaschen und gekämmt, mit weißem Kleid und Haarmaschen spazieren gehen. Später dann, zur großen Gesellschaft in Ödenburg zählen, all dies war ihr Wunsch. Doch dies gab es im Hause des Malergehilfen Jung nicht. Vermutlich litten alle unter den Familienverhältnissen, unschuldig an dieser Situation waren Karl sen. und Rosa nicht. Sie waren eben gelernte Söhne und Töchter aus guten Häusern. Aber dies alles hat nichts mit einem Fluch zu tun und schon gar nichts mit dem der Alt-Jung, sondern viel mehr mit Bequemlichkeit. Der Vater ertrank seinen Kummer in Alkohol in seinen bevorzugten Weinhäusern in der Sandgrubengasse, die er vermutlich als erweitertes Wohnzimmer ansah. Mutter tratschte lieber mit den Nachbarinnen anstatt die Situation beim Schopf zu packen und sie zu ändern. Die Kinder waren sich selbst überlassen und stellten einen Unfug nach dem anderen an. Als Grete an Typhus erkrankte, musste wieder einmal der Fluch der Alt-Jung herhalten. Die Schuld dieses armseligen Daseins wurde überall gesucht nur nicht bei sich selbst.

Karl Jung senDie Schwestern meiner Großmutter hatten alle gute und fleißige Männer geheiratet. Da gab es Lisko mit ihren Gemüsehändler, die sehr gut situiert waren und in Ödenburg ein sehr großes Haus führten. Dann Mitzi und Anna die in Wien mit Beamten verheiratet waren. Der Mann von Anna brachte es, nach dem 2. Weltkrieg, sogar bis zum General beim Österreichischen Bundesheer. Steffi, die einen Bäckergesellen der Wiener Ankerbrotwerke heiratete, lebte bescheiden, aber dennoch in guten, geordneten Verhältnissen.
Großvater hatte drei Schwestern, Käthe die Älteste heiratete einen Kellner namens Mihaly Kekessy dessen Vater Stadtschreiber also ein Beamter in Ödenburg war. Noch vor dem 2. Weltkrieg wanderte er in die USA aus und wollte dort Fuß fassen und seine Frau und das Kind später nachkommen lassen. Durch irgendwelche Umstände riss die Verbindung ab und das Ehepaar hielt sich gegenseitig für tot, was auch nach dem Krieg vom Internationalen Roten Kreuz bestätigt wurde. Dieser Irrtum führte dazu, dass Beide wieder heirateten und in den späten 1950iger Jahren, durch Zufall erfuhren, dass sie beide lebten. Worauf sich Mihaly in Chicago erschoss, da er diesen Schicksalsschlag nicht verkraftete. Das Käthe den "Irnfried" von ihren Eltern überschrieben erhielt wurde erst bekannt, wie in den 1960iger Jahren in Österreich die Vertriebenen eine Wiedergutmachung beantragen konnten und meine Mutter ihr bei der Beantragung behilflich war. Sie legte den Übergabevertrag, Kassenbücher und Finanzabrechnungen vor, die auf ihren Namen ausgestellt waren. Die zweite Schwester, Maria, war mit einem Schneidermeister in Wien verheiratet. Die Dritte, namens Theresia, wurde bei der Vertreibung 1946 mit ihren Gatten und ihren drei Söhnen nach Frankfurt bzw. Heidelberg deportiert. Sie verstarb noch auf der Reise nach Deutschland.
Alle Familienmitglieder dieser Generation hatten ihr Leben im Griff, waren gut situiert bis wohlhabend. Nur Vaters Eltern blieben die große Ausnahme und der Schadfleck. Auf sie blickte man herunter und so manches abfällige und böse Wort ging leicht über die Lippen. Das erzeugte auf der anderen Seite Neid und Eifersucht gegen Alles und Jeden.
Nun Großvater musste im 2. Weltkrieg einrücken und war obsolet. Die Mutter war nun auf sich gestellt und entwickelte eine Strategie des Überlebens, was ihr gut gelang.
Ihre Schwester Steffi und ihr Gatte Franz wurden ins KZ Sachsenhausen gebracht, da sie angeblich jüdischen Mitbürgern zur Flucht verholfen haben, was Beide vehement dementierten. Wenn sie als Fluchthelfer tätig waren, taten sie es sicherlich als Nächstenliebe und unentgeltlich. Das würde ihrem Charakter entsprechen. Das Ehepaar lebte Zeit Lebens in geordneten, bescheidenen Verhältnissen. Franz sympathisierte mit den Linken und war eher den Kommunismus zugewandt.
Dass sie Beide das Konzentrationslage überlebten, ist eindeutig Steffis verdienst gewesen. Sie war eine besonders fesche Person, mit einem unbändigen Lebenswillen, Kraft und Energie. Sie hat ihre Schönheit ausgenützt und sich mit einer SS-Führungskraft gekonnt eingelassen.
Später einmal hat sie den Ausspruch getätigt: "Für's Überleben war es halt notwendig und für meinen Franz hätte ich mit der gesamten SS geschlafen." Sie hat sich auch für ihre Zellengenossin, einer Holländerin eingesetzt. Diese Freundschaft hielt bis zum Tod der beiden Frauen. Milla sagte oft: "Ohne Steffi wäre ich vergast oder erschossen worden. Sie hat mein Leben gerettet, sie hat mir die Kraft gegeben zu überleben."
Nach der Schule begann Karl ab Mai 1944 eine Lehre als Maler + Anstreicher bei der Firma der Gebrüder Ferenc und Karoly Sterbenz in Ödenburg, die er bis Februar 1946 dort absolvierte. In seinem Lehrzeugnis steht (es wurde nachträglich ausgefertigt), dass er zur vollen Zufriedenheit tätig war. Die Lehrzeit war hart und er arbeitete viel. Die Lehrjungen wurden noch gezüchtigt und am Samstag, nach dem normalen Arbeitstag, mussten die Lehrlinge zusätzlich zum Heferl putzen in die Werkstätte. Auch die Wünsche der Meisterin mussten erfüllt werden. Hier war schweres Lastentragen und Küchenbodenschruppen angesagt.
Als die russischen Truppen in Ödenburg stationiert wurden, musste Vater zusätzlich zum Rossputzen in eine Kaserne, wo er auch die russische Sprache erlernte. Vater erzählte oft wie dumm doch die Russen waren: Die Frauen, die sie zum Arbeitsdienst rekrutierten, ließen sie hinter sich marschieren. Wenn sie am Arbeitsplatz anlangten waren, war der Russe meist alleine, denn die Frauen sind wieder abhanden gekommen. Diese Szenerie wiederholte sich mehrmals.
Als Karl eines Tages vom Arbeitsdienst nach Hause kam, sagte seine Mutter, morgen gehst du nicht mehr dort hin. Sie versteckte ihren Sohn und machte in der Kaserne einen Wirbel, dass Karl nicht nach Hause gekommen sei. Er wurde als verschollen gemeldet. Durch diesen Schachzug hat vermutlich Rosina ihren Sohn, das Leben gerettet. Denn der Einberufungsbefehl folgte auf den Fuß. Vater wäre noch in den letzten Kriegstagen mit seinen 16 Jahren an die Front gegangen.
Woher die furchtsame Person den Mut nahm zu einer solchen Handlung ist nicht nachvollziehbar. Was und wer sie dazu veranlasst hat, dieses zu tun, von wo sie Informationen her hatte, wissen wir nicht. Sie hatte sicherlich nicht das Insiderwissen noch die Intelligenz die Kriegsgeschehnisse bzw. die Lage richtig einzuschätzen. Rosa hatte weder politischen Ambitionen noch Verbindungen zu militärischen Kreisen. Aber wir wissen, dass sie sich mit ihrer Schwester Steffi, die nach der Auflösung des KZ Sachsenhausen wieder in Wien war, gerne austauschte. Sie war es auch, die die beiden jüngsten Kinder, Gretel und Rosi, bereits nach Wien geholt hatte obwohl sie sicherlich mit ihrem eigenen Leben genug zu tun hatte. Rosina hatte auch eine Verbündete in ihrer Schwester Lisko, die in unmittelbarer Nähe in Ödenburg wohnte. Auch sie war eine sehr tüchtige Person, die mit beiden Beinen im Leben stand.
Angeblich war mein Vater drei Monate vermisst bzw. versteckt. Wann dies genau war, ist mir nicht bekannt. Als Kind und junge Frau war es mir egal und heute wo ich darüber nachdenke, wie die einzelnen Geschichten zeitlichen zusammenpassen, habe ich niemanden mehr, den ich fragen könnte. Außerdem hätte ich die Wahrheit sowieso nicht erfahren. Mein Vater hat nie, aber wirklich nie, ein Wort darüber verloren. Und Großmutter hätte sich die Wahrheit so zurecht gebogen, wie es ihr gerade passte. Aber auch sie beendete solche Gespräche mit: "Darüber rede ich nicht."
Also, Vater war etwa 3 Monate vermisst und war nicht auffindbar. Dies war sicherlich kein leichtes Unterfangen und erforderte Standfestigkeit und genaue Ortskenntnisse, die mein Vater sicherlich hatte. Rosa muss über sich hinausgewachsen sein, denn ich könnte mir vorstellen, dass man das Verschwinden des jungen Mannes nicht so leicht hinnahm. Die zwei jüngsten Kinder hat sie zu Steffi gegeben, die hätten etwas ausplaudern können, aber die gefinkelte Mitzi war mit ihren 15 Jahren kein Risiko. Obwohl ich der Meinung bin, dass sie nicht informiert war. Aber sicherlich hätte sie sehen können oder müssen, wenn die Mutter Essen wegbrachte.
Über Lisko wissen wir, dass sie Schmuck und Geld vor den Russen (vermutlich erfolgreich) versteckte, genauer gesagt, vergraben hatte, just zur gleichen Zeit als mein Vater verschwand.
Wo die dürftige Erzählung wieder beginnt, war, dass ein russischer Soldat kam und meiner Großmutter mitteilte, dass die Grenze gesperrt wird. Wenn sie also nicht mit den Transport nach Deutschland wolle, müsse sie in den nächsten Stunden mit ihm und den beiden Kindern das Land verlassen. Was sie auch tat. Sie packte das nötigste zusammen und machte sich mit Mitzi und einem großen Sack Erbsen, wo sich mein schmächtiger Vater darin befand, in einem russischen Jeep auf den Weg nach Österreich.
Der Russe brachte die drei bis nach Gutenstein in Niederösterreich in ein Lager und verschwand. Mein Vater war ein Deserteur und Großmutter war als Helfer daran beteiligt. Sie haben unter falschen Angaben, ohne Papiere, die Grenze passiert. Sie haben sich der "Allgemeinen Umsiedelung" entzogen und was weiß ich noch für Vergehen begangen. Wir haben nie in Erfahrung gebracht wo dieser Übertritt erfolgte. Ob es ein regulärer Grenzposten war oder ob sie die grüne Grenze passierten. Mitzi hat einmal über die Flucht erzählt, dass die Mami total hysterisch geschrien habe und damit die Aufmerksamkeit (?) auf sich zog. Der Russe habe ihr eine Ohrfeige gegeben und fuhr weiter.
Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass man den Russen nicht kannte. Dass keine Verbindung zu diesem Mann bestand. Also aus Nächstenliebe hat er es sicherlich nicht gemacht und Großmutter hat nie Geld besessen, dass sie den Fluchthelfer bezahlen hätte können. Möglicherweise hat Lisko diese Kosten übernommen, oder was für mich als wahrscheinlich anzusehen ist, ist dass Steffi von Wien aus die Fäden gezogen hat. Sie wäre eine vertraute Person gewesen, die genügend Einfluss und Druck auf Rosa ausüben hätte können. Und vielleicht, hatte sie ja doch Erfahrung in solchen Transfers gehabt.
Großmutter wollte auf keinen Fall nach Deutschland gebracht werden, ihre Schwestern hatte sie in Wien. Geboren war sie in Tschechien, gelebt hat sie in Ungarn, also war es ihr ein Herzensanliegen, nach Österreich zu gehen, wenn sie schon weg musste. Aber musste sie weg? Standen sie und ihre Kinder auf der Liste? Bei der Volkszählung 1921 war sie grade mal 14 Jahre alt und wusste nicht, ob ihre Mutter überhaupt gezählt wurde. Bei der von 1941 stimmte die Familie ab, wie viele andere auch: Deutsche Muttersprache. ungarische Nationalität. Sie waren, und das glaube ich auch, immer unpolitisch. Also der Großvater war sicherlich nicht bei der Waffen-SS eingerückt oder den Nationalsozialisten zugewandt. Mein Vater befürchtete, er werde in Deutschland, genauso wie in Ungarn, als Deserteur gesucht. Also stand fest, es gibt nur einen Ausweg und der ist Österreich. Ob man hier bleiben kann war fraglich, aber momentan der erste Anlauf.
Lisko war der Meinung es könnte nur besser werden. Sie wollte nicht Grund und Boden zurücklassen, daher war sie froh, dass sie nicht ausgewiesen wurde. Sie war mit einem Ungarn verheiratet und stand angeblich nicht auf der Liste. Beziehungsweise ihre Daten stimmten nicht und sie konnte nicht als deutschstämmig identifiziert werden, dies hat man nachträglich festgestellt. Damals war sie sehr froh, bleiben zu dürfen, was sich alsbald änderte. Die Enteignung folgte auf den Fuß, sie wurden gedemütigt, entehrt, sie lebten in dürftigen Verhältnissen und beide sind als gebrochene Menschen gestorben.
In dem Lager in Gutenstein hat Rosina ihre Schwägerin Käthe, dessen Tochter Ili sowie die Alt-Jung-Eltern wiedergetroffen, die per Pedes über die grüne Grenze hierhergekommen waren. Sie waren auf dem Weg zur Schwester bzw. Tochter in Wien.
Im Raum Wr. Neustadt (Gutenstein liegt in unmittelbarer Nähe) wurden schwere Bombenangriffe geflogen, daher hat mein Vater beschlossen, so rasch wie möglich nach Wien weiter zu ziehen. Er hat oft erzählt, wie er und Mitzi im Wald, in Höhlen, Schutz suchten, wie sie von Treffern verfolgt um ihr Leben rannten. Diese Geschehnisse haben meinen Vater erwachsen werden lassen. Er hat sich als Familienoberhaupt gesehen und die Verantwortung für Mutter und Schwerstern übernommen.
Tante Steffi hatte in Wien eine zerbombte Wohnung, die sie ihrer Schwester zur Verfügung stellte. Vater hat den im zweiten Stock liegenden Schutthaufen zu einer Wohnung aufgebaut. Gleichzeitig hat er für Tante Käthe eine Wohnung im dritten Stock dazu errichtet. Als er mit dem Ruinenaufbau fertig war, hat Großmutter einen Hauswartposten angenommen und die fünfköpfige Familie ist in diese Dienstwohnung (Zimmer - Küche) übersiedelt. Tante Käthe blieb in diesem Haus wohnen. Vater hat in der Folge eine Lehrstelle bei einem Malermeister gefunden. Mitzi eine Lehre als Blumenbinderin. Grete hat nach Beendigung ihrer Schulpflicht einen Hilfsarbeiterposten in einer Stofffabrik angetreten und Rosi wurde eingeschult - später hat sie Verkäuferin gelernt.
1948 kam der verwundete Vater von der Gefangenschaft zurück. Dieser versuchte sich ebenfalls als Malergehilfe bei einem sehr sozialen Malermeister in Favoriten. Leider verstarb er bald an den Folgen der Verletzung der Dum- Dum -Geschosse. Der Firmenchef übernahm die Kosten des Begräbnisses und gab Großmutter einen Job als Putzfrau, den sie bis zu ihrer Pensionierung innehatte. Tante Käthe heiratete einen braven Postbeamten und Ili bekam einen äußerst sympathischen Tischler als Gatten.
Die Alt-Jung-Eltern wohnten bei ihrer Tochter Maria, die mit dem Schneidermeister verheiratet war. Gottlieb verstarb sehr bald und wurde in einem Armengrab am Zentralfriedhof beigesetzt. An meine Urgroßmutter kann ich mich noch erinnern, sie war eine kleine rundliche Person mit ganz wenig Haar am Kopfe. Sie hatte eine blau-weiß karierte Bluse an. Nun, diese Frau musste versorgt werden und der Österreichische Staat zahlte ihr Sozialhilfe. Alle in Österreich lebenden Enkelkinder wurden natürlich zur Unterhaltsleistung herangezogen, denn die beiden Töchter hatten kein Einkommen, sie waren verheiratet und im Haushalt tätig. Man kann sich vorstellen, wie sich meine Großmama vor Wut gebärdete. Die Kinder des in Ungnade gefallenen und des Hofes verwiesenen Sohnes, die die Großmutter verflucht hat, mussten die alte Frau nun erhalten, beziehungsweise sie fiel nun ihren Enkeln zur Last. Natürlich wurden auch Ili und die Tochter von Tante Maria herangezogen. Dies milderte die täglichen Hasstiraden aber nicht. Die Jung-Töchter erhielten seinerzeit alle eine Mitgift, ihr Gatte musste das Essensgeld retour zahlen und wurde wegen seiner Partnerwahl ohne einen Pengö aus dem Haus gejagt und jetzt will die Alt-Jung einen Unterhalt - das ergab unfreundlichen Gesprächsstoff für lange Zeit.
Mein Vater äußerte sich zu diesen Streitereien nicht. Er wollte das gute Verhältnis zu seiner Tante Käthe nicht trüben. Außerdem war gegen dieses Gesetz nichts einzuwenden. Er ließ sich aber Monat für Monat den Empfang des Betrages von der Großmutter bestätigen. Diese Formalität delegierte er an seine Frau, da er mit seiner Großmutter nichts, oder nur sehr wenig sprach. Als ich einmal mit meiner Mutter den Unterhalt zur Tante Käthe brachte, streichelte mir die Urgroßmutter über das Gesicht und ging, ohne mit mir gesprochen zu haben, weg. Nachträglich hat Tante Käthe erzählt, wie sich die Urgroßmutter über mich gefreut hat und ich solle öfters mitkommen, was mein Vater nicht gestattete. Ili bezeichnete ihre Großmutter als sanfte, liebenswerte Person. Sie hatte anscheinend zwei Gesichter. Als die Frau starb, wurde sie ebenfalls in einem Armengrab beigesetzt, was für mich bis heute nicht nachvollziehbar ist, denn in der Zwischenzeit hätten die beiden Töchter doch die Kosten für ein normales Begräbnis aufbringen können. Dass Vater und seine Geschwister sich nicht an der Bestattung beteiligten, ist verständlich.
Meine Mutter war 1965 ihrer Schwiegermutter und der Tante Käthe behilflich, sie erledigte die Administration, als die Möglichkeit bestand, um eine Wiedergutmachung für Vertriebene anzusuchen. Rosina erhielt einen geringfügigen Härteausgleich, da sie keinen Anspruch auf Wiedergutmachung hatte. Der "Lange Steiger" war zu klein um als landwirtschaftlicher Betrieb zu gelten. Käthe hingegen konnte einen Anspruch auf etwa dem 150-fachen des Härteausgleiches geltend machen, da sie nachweislich die Besitzerin des Weingutes mit dem Ried "Irnfried" gewesen war. Ein riiiiiiesiger Streit zwischen den Schwägerinnen war die Folge, der erst mit dem Tod der Beiden endete.
Vater lernte 1947 meine Mutter kennen und lieben, sie wollten heiraten. Da meine Mutter noch minderjährig war, hat ihr Vater, die Erlaubnis zur Hochzeit mit der Verleihung der Österreichischen Staatsbürgerschaft gekoppelt. Ansonsten wäre meine Mutter staatenlos gewesen, was natürlich nicht erstrebenswert war. Also machte sich meine Mutter an die Arbeit und wollte die Dokumente von Karl übersetzen lassen, um den Antrag auf eine vorzeitige Verleihung der Staatsbürgerschaft ansuchen zu können. Nun, Vater hatte keine Dokumente, auch keine Geburtsurkunde. Nach oftmaligem und lang andauerndem Schriftverkehr erhielt mein Vater dann doch einen Auszug aus dem Geburtenregister der Stadt Sopron und erhielt bereits 1950 die Österreichische Staatsbürgerschaft. Der Hochzeit stand nichts mehr im Wege. Der Grund der Verzögerung war, dass ein Karl Jung am 20.4.1929 in Ödenburg nicht geboren wurde, sondern erst am 22.4.1929 aufscheint. Am 20.4.1929 hat nur ein Karoly Hawel das Licht der Welt erblickt.
1950 wurde geheiratet und die Ehe war sehr glücklich bis zum Tod meiner Mutter im Jahre 1984. Als ich die Dokumentenmappe meiner Eltern zur Hand nahm um den Totenschein meiner Mutter ausfertigen zu lassen, fand ich einen mehrfach gefalteten Zettel in ungarischer Sprache, den ich als Geburtsurkunde verstand. Das Kind "Karoly Hawel" war nur zwei Tag vor meinen Vater geboren. Ich zeigte dieses Dokument meiner Großmutter und fragte, was sie dazu zu, sagen könne. Sie reagierte aggressiv und erklärte, dass mein Vater unehelich zur Welt gekommen sei, weil die Schwiegermutter mit der Heirat nicht einverstanden war.
Es war uns ja hinlänglich bekannt, dass die Jung-Mutter mit der Heirat nicht einverstanden war, dass aber dadurch mein Vater unehelich zur Welt kam, nicht. Sie hat diese Schande eines unehelichen Sohnes 55 Jahre geheim gehalten. Sie hat meine Mutter einen mehrjährigen äußerst anstrengenden bürokratischen Weg gehen lassen, nur um nicht zugeben zu müssen, dass mein Vater ein lediges Kind war, die Vaterschaft zwei Tage später durch den Kindesvater anerkannt wurde und die Namensgebung erfolgte.
Mein Vater besuchte 1963 zum ersten Mal seine alte Heimat. Tante Käthe war bereits 1961 dort gewesen und kurz darauf ist auch meine Großmutter zu ihrer Schwester Lisko gefahren. Beide sind unbeschadet zurückgekehrt, daher versuchten es auch meine Eltern. Wir kamen mit der Bahn in Sopron an und mein Vater war sehr nervös. Wir wurden gebeten im Zollhaus in einem Warteraum Platz zu nehmen, die Pässe wurden uns abgenommen, da noch administrative Erledigungen ausständig waren. Da dies etwas länger dauerte und Vater immer unruhiger wurde, wollte Mama fragen, wie lange wir noch warten müssen. Die Tür war abgeschlossen! Wir waren eingesperrt - Mutter rüttelte. Sofort ging die Türe auf, angeblich klemmte sie nur und im selben Augenblick war die Bürokratie auch erfolgreich beendet. Wir durften Ödenburger Boden betreten. Damals, mit meinen 10 Jahren, habe ich dies nicht verstanden. Heute ist mir bewusst, welche Ängste mein Papa damals ausgestanden hat.
Wir sind von unseren Verwandten auf das herzlichste begrüßt worden. Samu jun. (noch immer genannt Bubi) und seine Frau Agi samt den Kindern Tomy und Klein Agi, sowie Lisko-Neni waren zur Begrüßung erschienen. So ein herzlicher Empfang und so viel Liebe wurde uns entgegengebracht, es war nicht zu fassen. Nur einer fehlte, Samu Bacsi sen. Er stand am Markt in seinem Verkaufsstand, er war nicht informiert, dass wir kamen. Bubi hat auf seinem Fahrrad unser Gepäck gebunden und wir gingen auf die Grabenrunde zum Markt. Vater ging von hinten zu Samu Bacsi und sagte: "I hätt gern a Kilo Krumbirn". Der Mann hat sich nicht umgedreht und hat ganz leise gesagt: "Korl, mei Korl". Die beiden lagen sich minutenlang in den Armen und dicke Tränen flossen bei allen.

Samuel Prinner 1963Vater hat uns bei diesem Besuch alles gezeigt, was für ihn wichtig war. Wir waren bei der Jung-Villa am Kuruzenberg, in der Beci utca 16 - wo sie wohnten, in der Szt. Janos- und in der Szt. Mihaly templom, am Wienerberg und all überall wo er gespielt hatte. Er zeigte uns den Hasenstall und wo der ehemalige Weingarten war oder das, was noch davon übrig geblieben ist. Wir gingen im Tomalom schwimmen und zu guter Letzt folgten wir einer Einladung des Malermeisters Ferenc Sterbenz in seine Wohnung auf der Grabenrunde, dies muss meinem Vater ein Bedürfnis gewesen sein.
Der Ferenc Sterbenz war sehr nett und es war sicherlich ein anregendes Gespräch zwischen den Männern. Er betonte öfters wie zufrieden er mit Senior und Junior Jung gewesen war, was sie nicht für gute Maler und Anstreicher gewesen sind. Die Einladung war sehr würdevoll und herzlich. Die Gattin habe ich als klein und zierlich, etwas distanziert, in Erinnerung. Vater meinte am Nachhauseweg, wie generalstabmäßig sie das Sagen einmal innehatte und 1963 war sie ein armes altes Weibchen. Ferenc Sterbenz war der Meinung, wir sollten auch seinen Bruder im Liszt-Museum besuchen, er würde sich sicherlich sehr freuen. Was wir auch taten. Ja, der Bruder, war erfreut uns zu sehen, aber es war doch ein bisserl steif, dieses Treffen. Wir bekamen eine sehr interessante Sonderführung im Liszt-Museum und der Mann im grauen, abgetragenem Arbeitsmantel blieb vor einem Konzertflügel stehen und sagte theatralisch: "Auf diesem Instrument hat Ferenc Liszt konzertiert. Leider ist diese Art der Unterhaltung aus der Mode gekommen, wie alles was mit Kunst zu tun hat". Mama warf ein: "Sie gestatten", nahm Platz und spielte "Wien, Wien nur Du allein". Herr Sterbenz hatte Tränen in den Augen, umarmte meine Mutter und küsste sie. Das Eis war gebrochen und alles war gut.
Wenn die Sterbenz-Brüder nicht einen Dritten im Bunde hatten, muss es sich bei den Kustos um Karoly Sterbenz gehandelt haben, den großen Kunstmaler der Stadt. Dies wurde mir erst bewusst als ich 45 Jahre später die Familienchronik zu schreiben begann. Heute weiß ich, dass dieser Mann nicht distanziert oder abgehoben war, vielmehr war es ihm unangenehm, dass sein ehemaliger Lehrling sah, womit er, Karoly Sterbenz, seinen Lebensunterhalt verdienen musste.
In diesen Zusammenhang möchte ich anmerken, dass Vater in Wien als Maler- und Anstreicher, als Laseur und als Restaurateur tätig war. Unter anderem hat er die Freskos im Parlament, die Arkaden im und um das Wiener Rathaus, die Kunstakademie und die Sternwarte in Wien restauriert oder neu gestaltet. Das Talent hatte er von seinem Vater geerbt, den Fleiß und die Liebe zum Beruf hat er selbst entwickelt aber den handwerklichen Grundstein haben sicherlich die Gebrüder Sterbenz manifestiert.

Die Verbindung zu unseren Verwandten ist bis heute nicht abgerissen, wir sehen einander in größeren Abständen. Mein Vater ist nicht besonders gerne in seine Heimat gefahren. Er litt sehr unter Heimweh und es rissen immer Wunden auf, wenn er die Stätte seiner Jugend sah. Trotz seiner schönen Erinnerungen an eine wunderbare freie und für einen Jungen vermutlich vollkommene Jugend, hat er auch immer das Negative gesehen. Ich bin der Meinung er hat unter der Madjarisierung sehr gelitten. Der Lehrer hat tiefe Wunden hinterlassen - mein Vater hasste ihn.
Das ewige Gerede und die herablassende Art, die man dem Ehepaar Jung und den Kindern entgegenbrachte, haben die jungen Seelen geschädigt. Alle Kinder sprachen von ihren Vater mit Ehrfurcht, sie hatten Respekt und wären gerne auf ihn stolz gewesen. Leider hatte dieser es nicht geschafft den nötigen Stellenwert in der Ödenburger Gesellschaft zu erreichen. Vater musste sehr früh Verantwortung übernehmen, für sich, für seine Schwestern und auch für seine Mutter. Die Armut in die er hineingeboren wurde, machte ihn nicht allzu viel aus, aber in Wien ging es ihm besser. In der Anonymität der Großstadt konnte er seine Herkunft vergessen. Hier konnte er durch Hände Arbeit sich eine Existenz schaffen, fleißig und redlich wie er war. Arbeit gab es genug, also packte er an und hat es zu Anerkennung in seinem Leben und Beruf gebracht. Hier hat er seine große Liebe gefunden und seinen Lebensmittelpunkt manifestiert. Wien ist seine Heimat geworden in der er glücklich sein durfte.
Wenn Großmutter von „ihrem Ödenburg" schwärmte gab er ihr regelmäßig und schroff zur Antwort: "Sama froh, dass uns auße kaut haum und red deitsch, mir san kane Ungarn".