schlacht_018. September 1921
Im Morgengrauen fiel der erste Schuss. Und dann brach die Hölle über Agendorf herein. Über eine Stunde dauerte das Gefecht im und um das Dorf, das man später etwas übertrieben die „Schlacht von Agendorf“ nannte. Auf ungarischer Seite machte man daraus eine Heldengeschichte. Das Gefecht endete mit einem Toten auf Seiten der österreichischen Gendarmerie und drei Toten auf der Seite der Freischärler. Beide Seiten hatten zahlreiche Verwundete zu beklagen. Die Gewehr- und Maschinengewehrsalven ließen die Ziegel von den Dächern fliegen, die Häuser hatten zahlreiche Einschusslöcher, Bäume und Sträucher waren zerfetzt. Besonders das Dach der evangelischen Kirche wurde stark beschädigt. Es lag direkt in der Schusslinie des Maschinengewehres, das die Freischärler auf dem Hausberg aufgestellt hatten.

 

 
schlacht_05Dem Gefecht waren Tage voller Anspannung voraus gegangen. Man wusste in Agendorf längst, dass sich die Freischärler sammelten und sorgfältig vorbereiteten. Man wusste auch, mit wem man es zu tun hatte. Es waren nicht mehr die disziplinlosen Scharen des Héjjas aus der Tiefebene, die „Lumpengarde“, die mehr aufs Plündern denn auf einen „Freiheitskampf“ aus waren. Mit ihnen hatte man schon am 28. August Bekanntschaft gemacht. Inzwischen hatten sich im Raum Ödenburg in internen Auseinandersetzungen die Legitimisten oder Karlisten, also die Anhänger König Karls und der Habsburgermonarchie, durchgesetzt. Und diese genossen größeres Ansehen. Es waren Gruppen, die zum Großteil aus Offizieren des Weltkrieges, aus Studenten, etwa der aus Schemnitz nach Ödenburg verlegten Bergbauakademie, aus Flüchtlingen aus Siebenbürgen und Bosnien und aus Eisenbahnern aus Steinamanger bestanden. Ihre Anführer waren als tapfere Soldaten bekannt: Hauptmann Viktor Madersbach, ein Großgrundbesitzer aus Siebenbürgen, der nach der Besetzung seiner Heimat durch die Rumänen geflohen war, Hauptman Gebhardt, der aus Walbersdorf stammte, und Oberleutnant Elemér Székely an der Spitze der Hochschüler. Die Freischärler waren nicht nur hervorragend ausgerüstet, sie waren auch mit den lokalen Gegebenheiten bestens vertraut. Dafür sorgte auch der Ödenburger Missuray-Krug , der Karten besorgte und neuere Wege einzeichnete. Er war es auch, der uns den besten und spannenden Bericht über das Geschehen hinterließ, auch wenn dieser Bericht natürlich sehr einseitig ist. Tage vor Beginn des Angriffes erkundeten sie sorgfältig die Anmarschwege. In der Nacht vom 27. zum 28. August begann der Aufmarsch in kleinen Gruppen durch den Wald von Brennberg und den Agendorfer Wald. Überraschend stieß man dabei auf die Brennberger Kumpel, die gerade von ihrer Nachtschicht nach Agendorf nach Hause gingen. Sie wurden unter Bewachung zurück gehalten. Der Angriff begann um etwa drei Uhr und erfolgte von drei Seiten: schlacht_04entlang des Weges von Brennberg, der Brennberger Kohlebahn, über Klosterberg und Hausberg und vom unteren Ende des Ortes her. Die genaue Zahl der Freischärler ist nicht bekannt. Österreichische Zeitungen sprachen von 2000 Mann. Das ist sicher stark übertrieben, vermutlich waren es nicht mehr als 300 bis 400 Mann. Ihnen standen etwa 400 österreichische Gendarmen gegenüber, die seit dem 28. August in Agendorf stationiert waren.

 

Die Österreicher leisteten, nachdem sie die Freischärler entdeckt hatten, harten Widerstand. Von mehreren Seiten unter Beschuss genommen, zogen sie sich zunächst in Richtung evangelischer Schule zurück und fanden schließlich hinter dem Damm der Eisenbahn Richtung Mattersburg - Wr. Neustadt Deckung, ebenso hinter dem Eisenbahnzug, schlacht_08der dort stand. Das Maschinengewehrfeuer vom Hausberg machte ihnen schwer zu schaffen. Als dann auch noch die Nachricht eintraf, dass das Ostenburg - Detachement im Anmarsch war, begann die Gendarmerie den Rückzug. Ein Teil der Truppe bestieg den Zug, ein anderer zog sich langsam, unter weiteren Kämpfen, zum Loipersbacher Bahnhof, zurück. Eine Flucht, Hals über Kopf, panikartig, wie es Missuray - Krug in seiner Schilderung des Gefechtes darstellte, war es jedenfalls keineswegs.  In Mattersburg weigerte sich dann der Großteil der Gendarmen, erneut gegen die Freischärler anzutreten. Sie begründeten ihre Meuterei damit, dass sie ja Beamte wären, für den Gefechtsdienst weder ausgebildet noch vorgesehen. Mit Mühe gelang es den Vorgesetzten, aus Freiwilligen eine Rückzugssicherung aufzubauen, um die Verwaltungseinrichtungen aus Mattersburg wieder nach Wien zurück zu bringen. Etwas später übersiedelten diese dann nach Wr. Neustadt. Am 10. September wurde das Burgenland komplett geräumt, alle Gendarmerieposten über Leitha und Lafnitz zurück gezogen.

 

schlacht_03Am Tag nach dem Gefecht jubelte die ungarische Presse. Selbst der relativ vorsichtige und zumeist gut informierte Pester Lloyd schrieb: „Bei Agfalva, zwischen Lépesfalva und Rohrbach, hat die aufständische Bevölkerung die österreichische Gendarmerie angegriffen und die aus etwa 500 Köpfen bestehende Truppe in die Flucht geschlagen. Bei dem Zusammenstoß blieben zwei österreichische Tote auf dem Schauplatz. Mehrere Gefallene führten sie mit sich...“

 

Für die Anschlussfreunde war dieser Rückzug eine Katastrophe. Tausende ergriffen die Flucht, sie wussten, was ihnen von Seiten der Freischärler blühte. Auch aus Agendorf flohen jene Personen, die sich besonders für Österreich exponiert hatten. In Brennberg, wo die zwanzig österreichischen Gendarmen keine Chance gegen die Übermacht der Freischärler hatten, floh ein Teil der proösterreichischen Bergleute mit der Gendarmerie. Die ungarische Seite stellte das so dar, als wären nur „Kommunisten“ in kleiner Zahl abgezogen. Die ungarische Propaganda meinte, die Ostenburg- Truppen wären nur heran gerückt, um die Ruhe wieder herzustellen. Sie hätten über 100 „Insurgenten“ fest genommen ...

 

schlacht_06Anders als im Bereich der Freischärlerkorps I bis IV, im mittleren und südlichen Burgenland und im Neusiedler Raum, wo der berüchtigte Iván Héjjas kommandierte, gab es im Bereich Mattersburg und Eisenstadt relativ wenig Übergriffe auf die Bevölkerung. In Agendorf etwa wollten die Bosniaken unter den Freischärlern nach gewonnener „Schlacht“ mit dem Plündern beginnen. Maderspach, der wohl wusste, dass es darauf ankam, die Menschen für die eigene Sache zu gewinnen, der aber auch damit rechnen musste, dass die kurz danach eintreffenden Ostenburg - Gendarmen derartige Aktionen nicht dulden würden, löste das Problem auf seine Weise: Er gab einem der Bosnier einfach eine kräftige „Ohrfeige“ ...

 

Die geflohenen Anschlussfreunde forderten von den Österreichern Waffen, um ihre Heimat zu befreien. Sie wollten also den ungarischen Banden mit den gleichen Methoden antworten. Die Waffen wurden ihnen verweigert. Viele waren maßlos enttäuscht und auch unter den Agendorfern verbreitete sich der Eindruck, dass die Österreicher nicht sehr an ihrem Schicksal interessiert waren.

 

Uns hat man nicht gefragt ...

 

Die Agendorfer waren vorbereitet. Als die ersten Schüsse fielen zog sich die Bevölkerung sofort in die Keller zurück. So gab es unter der Zivilbevölkerung keine Opfer. Die materiellen Schäden waren ohnehin schlimm genug. Viel schlimmer aber war das Gefühl der Unsicherheit und der Angst um die eigene Zukunft, die tiefe Kluft, die auch in der Dorfgemeinschaft schon 1918 und 1919 aufgerissen war. Diese Probleme fanden keinen Niederschlag in schriftlichen Quellen. Als Geschichte - Student hatte ich noch die Möglichkeit, mit älteren Agendorfern darüber zu sprechen. Aus den Erzählungen wurde deutlich, dass die Ereignisse selbst und die Einstellung der Betroffenen weit komplizierter war, als in den Geschichtebüchern meist stark verkürzt dargestellt wird. Vor allem die klare Frontstellung „hier Österreich - dort Ungarn“ gab es nicht. Auch die Einstellung zu den Freischärlern war differenziert. Einen gemeinsamen Tenor konnte ich aber feststellen: die Ereignisse rollten über die Menschen hinweg, sie wurden nicht gefragt, was sie selber wollten. Nicht nur die Kugeln im Gefecht von Agendorf pfiffen „über ihre Köpfe hinweg“, auch die politischen Entscheidungen wurden ohne sie getroffen. Als man sie dann in der Volksabstimmung befragte, war das Gefühl, Schachfiguren im Spiel der Mächtigen zu sein, längst verbreitet. Viele glaubten mit Recht nicht mehr an eine Lösung im Interesse der Betroffenen. Enttäuschung und ein Gefühl ohnmächtiger Wut wurde in allen Gesprächen deutlich.

 

Wie war die Einstellung der Agendorfer zu den Kämpfenden? Sie hatte sich im Verlauf der Jahre seit Kriegsende im Wechselbad der Ereignisse immer wieder geändert. Die deutsche Autonomiebewegung fand noch einhellig begeisterte Zustimmung, die Ausrufung der deutschwestungarischen Autonomie in Mattersburg, der deutsche Volkstag im Ödenburger Komitatshaus ... Mit der Idee einer weitgehenden deutschen Autonomie konnten sich noch alle anfreunden, auch die stark ungarnfreundliche Gruppe um Edmund Scholtz. Den Absichtserklärungen und Versprechungen folgten keine Taten. Geza Szombor versagte, erwies sich als unfähig, die geplanten Wahlen zu organisieren und ließ sich immer wieder von den Behörden einschüchtern. Und diese waren, mit Bürgermeister Thurner an der Spitze, nicht bereit, auch nur einen Millimeter nachzugeben. Wer gegenüber den Behörden sein Recht auf Gebrauch der deutschen Sprache geltend machte, wurde mit Hohn, Spott und nicht selten auch mit massiven Drohungen abgefertigt.

 

Der tiefste Riss aber entstand mit der Räteregierung. Sie nahm die deutsche kulturelle Autonomie ernst, diskreditierte sie aber in kürzester Zeit durch viele unsinnige Maßnahmen Sandor Kelners und durch die brutale Gewalt der „Leninbuben“. Laufend wurden von den Bauern Abgaben erpresst und mit dem „weißen Geld“ (einseitig bedruckte Scheine) bezahlt, das man nur gezwungenermaßen annahm. Dazu kamen die „Prozesse“ vor den „Volksgerichten“, die Erschießungen, unter anderem auch von zwei Agendorfer Eisenbahner, Vater und Sohn, denen man „Sabotage“ vorwarf. Die einheimischen Sozialdemokraten, deren Partei ja mit den Kommunisten Bela Kuns in der Regierung war, hatten bald genug von der Räteregierung. Wir haben zwar keine schriftlichen Nachrichten aus Agendorf, aber die Stimmung, die herrschte, dürfte recht gut vom mutigen sozialdemokratischen Abgeordneten Hans Suchard aus Mattersburg zum Ausdruck gebracht worden sein, der in einer Rede im Parlament das Auftreten der mit zahlreichen Ringen geschmückten, gut gekleideten „Kommissaren“, sehr oft Juden, schilderte. Die Räteregierung hatte ja bekanntlich auch eine starke Welle des Antisemitismus zur Folge.

 

Als die „weißen“, gegenrevolutionären Truppen unter Oberst Lehár dem Spuk ein Ende machten war die Erleichterung nicht nur bei den Bauern groß. Fatal an der Rätezeit war, dass damit nun gegen das „rote“ Österreich recht erfolgreich Propaganda betrieben wurde, nicht ganz zu unrecht, denn das Kun - Regime wurde ja tatsächlich von Österreich her massiv unterstützt. Auch in Agendorf wurde die Angst vor den roten „Mordbrennern“ und „Enteignern“, denen nichts heilig sei, kräftig geschürt, nicht zuletzt vom christlichsozialen Abgeordneten Edmund Scholtz. Die großen Erwartungen, die man Lehár entgegenbrachte, da er als tapferer Regimentskommandant aus dem Weltkrieg in der Bevölkerung sehr populär war, wurde bald enttäuscht. Es gelang ihm nicht, die fanatischen weißen „Offizierskommandos“ im Zaum zu halten, die nun ohne Federlesens brutale Selbstjustiz übten. Wer von den Anhängern der „Räte“ erwischt wurde, wurde aufgeknüpft oder „auf der Flucht“ erschossen. Paul von Pronay, dem späteren Freischärlerführer im Burgenland, wurden hunderte Morde nachgewiesen. Er berichtete in schlacht_09seinen Tagebuchaufzeichnungen auch offen über viele Übergriffe, insbesondere über Gewalttaten gegen Juden. Angeklagt wurde er aber deshalb nie. Was in Agendorf und in vielen Dörfern große Beunruhigung auslöste war die Tatsache, dass die „Weißen“ nicht nur gegen die „Roten“, sondern gleich auch in einem Aufwaschen gegen die Anschlussfreunde vorgingen. Wieder mussten besonders exponierte Personen, hauptsächlich Sozialdemokraten, fliehen. Der Einmarsch der österreichischen Gendarmerie in Agendorf wurde zunächst mit vorsichtiger Zurückhaltung beobachtet. Es gibt davon ein sehr interessantes Filmdokument, das im Internet auf der Adresse von AEIOU unter den Videoclips abrufbar ist. Man sieht neben der marschierenden Kolonne nur wenige Ortsbewohner auf der Straße. Angst hatte man aber anscheinend keine, denn neben den Gendarmen laufen Kinder her. Die ungarische Propaganda, die die bewaffnete Macht der Österreicher, das Heer und die Polizei, stets als kommunistisch infiltriert und undiszipliniert schilderte, scheint nicht gewirkt zu haben. Auch das immer wieder angekündigte „Gesindel“, das in Begleitung der Österreicher über die reichen westungarischen Dörfer herfallen würde, blieb aus. Die Gendarmen verhielten sich äußerst korrekt, ihr Misstrauen gegenüber der Bevölkerung schwand bald. Die zumeist jungen Gendarmen wurden nicht gefürchtet, sie wurden eher bedauert. Denn schon bald war klar, dass sie keine Chance hatten.

 

Die erfahrenen Weltkriegsteilnehmer unter den Agendorfern sahen sofort, wo das Problem lag. Sie erkannten die schlechte Ausbildung der Gendarmen für die ihnen zugeteilte Aufgabe und sie sahen die schweren Fehler, die ihre Offiziere anscheinend machten. Noch während der Erzählungen in den späten 1960er Jahren schüttelten die Augenzeugen den Kopf über die ihrer Meinung nach leichtsinnigen Maßnahmen der Österreicher. Und sie fragten immer wieder, ob es in Österreich nicht genug - inzwischen ja weitgehend abgerüstete und arbeitslose - Weltkriegsoffiziere gegeben hätte. Wir wissen ja heute, dass es auch in Österreich den Versuch gab, irreguläre Truppen zu mobilisieren, dass dieser aber vom sozialdemokratischen Staatssekretär Julius Deutsch abgewürgt wurde, aus Misstrauen gegenüber den Offizieren. Schwerster Fehler war wohl - und das erkannten die Agendorfer sofort - den Hausberg mit seiner das ganze Dorf beherrschenden Position unbesetzt zu lassen. Ebenso schwerwiegend war das Fehlen vorgeschobener Posten im Agendorfer Wald und an der Straße und an der Bahn nach Brennberg. Auch auf die Mithilfe der Bevölkerung, die von vielen Agendorfern wohl geleistet worden wäre, wurde verzichtet. Und so kam es, wie es kommen musste: das Gefecht von Agendorf endete mit einer Niederlage. Und wieder mussten Agendorfer, etwa der damalige Kleinrichter, vor der Rache der Sieger fliehen.

 

Ostenburg und die Hoffnung auf König Karl

 

schlacht_07Kurz nach dem Abzug der österreichischen Gendarmen marschierte das Ostenburg - Detachment in Agendorf ein, mit klingendem Spiel, die Kavallerie voran. Die Agendorfer begrüßten die Ostenburg - Truppe, da sie das Ende der Kämpfe und der Unsicherheit brachte. Wer war dieser Julius Morawek, Edler von Ostenburg, und wer waren seine Leute? Ostenburg war hoch dekorierter Offizier der k.u.k. Armee. Nach dem Zusammenbruch diente er zunächst in der Roten Armee der Räteregierung, im Sommer 1919 schloss er sich den „Weißen“ an, mit einer Truppe, die er aus Freiwilligen des Infanterieregimentes 69 gebildet hatte. Nach der Unterzeichnung des Vertrages von Trianon musste Ungarn sein Militär aus dem Burgenland abziehen. Eine Ausnahme bildete die Ostenburg Truppe, die man zu einer Reservegendarmerietruppe umetikettierte. Mit Zustimmung der interalliierten Generalkommission sollte sie Ordnungsaufgaben im Raum Ödenburg wahrnehmen.

 

So wie Lehár und viele andere Militärs aus Westungarn gehörte Ostenburg zu den „Karlisten“, also zu den Anhängern König Karls, dessen Rückkehr auf den ungarischen Thron man anstrebte. Zu den „Karlisten“ gehörten aber auch viele hohe Beamte wie etwa Graf Sigray, Politiker wie etwa Albin Lingauer, dessen Zeitungen die öffentliche Meinung im Komitat Eisenburg prägten, aber auch hohe Geistliche wie der Bischof von Steinamanger, Graf Mikes. Lehár war bereits am ersten Restaurationsversuch Karls maßgebend beteilgt und fiel deshalb bei Horthy in Ungnade. Die Gegner dieser monarchistischen Kreise mit Zentrum in Westungarn waren die „Freien Königswähler“, die keinen Habsburger auf Ungarns Thron sehen wollten. Die Regierung Bethlen und der „Reichsverweser“ Horthy, der nicht bereit war, seine Macht abzugeben, versuchten, die Karlisten zu entmachten. Als man entdeckte, dass auch Ostenburg diesen Kreisen angehörte, sollte sein Detachment aufgelöst werden. Das hatte den zweiten, überstürzten Restaurationsversuch König (Kaiser) Karls in Ungarn zur Folge. Karl und Zita landeten am 21. Oktober 1921, mit einem kleinen Flugzeug aus der Schweiz kommend in der Nähe von Ödenburg. Beim Marsch auf Budapest bildete das Ostenburg - Detachment den Kern der karlistischen Truppen. An der Stadtgrenze von Budapest wurden sie von Horthy - treuen Truppen besiegt und gefangen genommen. Ostenburg und seine Leute wurden aber bald darauf, kurz vor der Ödenburger Abstimmung, stillschweigend freigelassen. Ostenburg endete als Weinhändler in Budapest.

 

Die ungarischen Monarchisten spielten zwar in der Folgezeit in der Öffentlichkeit keine wesentliche Rolle. Es gab sie aber nach wie vor und zusammen mit nationalistischen und revisionistischen Kreisen waren sie in verschiedenen „patriotischen“ Vereinigungen, zum Teil als Geheimbünde organisiert, weiterhin tätig. Auch Pläne, den „Befreiungskampf“ in Westungarn - Burgenland wieder auf zu nehmen, wurden weiterhin geschmiedet. Es standen ja auch noch bis 1922/23 - meist als Landarbeiter getarnte - Freischärler entlang der Grenze bereit, etwa in der Ortschaft Osl oder im esterházischen Meierhof Mexiko-Puszta unmittelbar an der Grenze. In Österreich sammelten sich die Monarchisten ebenfalls in Vereinen und Verbänden, unter anderem im „Frontkämpferverband“. Diese Kreise hatten gute Kontakte zu den Habsburg treuen Ungarn. Als Ausgangsgebiet für einen weiteren Restaurationsversuch galt weiterhin der burgenländisch - westungarische Raum, besonders das Gebiet um Ödenburg. Das war auch der Grund, warum der Frontkämpferverband so großen Wert auf Ortsgruppen im Mattersburger Bezirk und entlang der Bahn nach Ödenburg. etwa in Schattendorf, Loipersbach, Deutschkreutz legte.

 

Im Zusammenhang mit den Schattendorfer Ereignissen von 1927, nur sechs Jahre später, taucht immer wieder die Behauptung auf, dass die Frontkämpfer die Restauration der Monarchie wollten, ja dass sie für eine Rückkehr des Burgenlandes nach Ungarn waren. Mag sein, dass die oberste Frontkämpferführung mit solchen Gedanken spielte. Wie aber dachten die Menschen in unseren Dörfern? In meinen Gesprächen mit Zeitzeugen aus Agendorf und Loipersbach, darunter auch Frontkämpfer, konnte ich ein kompliziertes Gedanken- und Verhaltensmuster feststellen. Zunächst waren meine Gesprächspartner alles andere als Freunde eines „Königs Karl“ oder der Habsburger überhaupt. Den alten Kaiser Franz Joseph hatte man geachtet, für die Monarchie war man in den Krieg gezogen. Von Karl, „Karlchen“ genannt, hielt man nicht viel. Seine Geheimverhandlungen mit Frankreich und seiner Lüge im Zusammenhang mit der „Sixtus-Affäre“ verzieh man ihm und besonders Zita, der „Verräterin“, nicht. Die Begeisterung für die Republik war allerdings dies- und jenseits der Grenzen auch nicht besonders groß, vor allem nach den traumatisierenden Ereignissen der Räterepublik. Warum gab es also in unseren Dörfern so viel Sympathie für eine Wiederherstellung der Monarchie? Die Antwort ist ganz einfach: Man sah darin die einzige Chance, die neue Grenze, egal ob an der Leitha oder bei Ödenburg, wieder weg zu bekommen. Vor allem wirtschaftliche Gründe - die Bauern in Loipersbach, Schattendorf ... waren ja auf den Ödenburger Markt angewiesen- und die engen Verwandtschaftsbeziehungen wurden als Argumente vorgebracht. In Agendorf wiederum fürchteten viele um ihre Arbeitsplätze in Österreich. Eine Rückkehr zu Ungarn wollten aber auch die Frontkämpfer, so weit ich eruieren konnte, unter keinen Umständen.

 

„Der arme Laszló Baracsi“ oder „Wie man ein Held wird“

 

schlacht_02Jeder Besucher Agendorfs kommt am unteren Ortsende, kurz nach dem Bahnübergang, am Denkmal für Lasló Baracsi vorbei. Über die Einweihung des Denkmals am 9. September 1928 heißt es im „Agendorfer Mosaik“:

 

„Das Denkmal wurde im Rahmen einer rührenden Feier enthüllt ...Die Teilnehmer wurden am Morgen mit einem Sonderzug nach Agendorf gebracht. Der zahlreichen Delegation aus Kecskemét, von Obergespan Stefan Fay angeführt, gehörten der Vater und fünf Brüder von Laszló Baracsi an. Die Delegation ging mit Obergespan Vitéz Elemér Simon, Vizegespan Lajos Gevay Wolff und Bürgermeister Dr. Michael Thurner an der Spitze von Ödenburg nach Agendorf,das die Ankommenden beflaggt und mit festlich gekleideten Einwohnern erwartete.
Nach einer stillen Messe zog die Trauergemeinde zum Denkmal, wo die Festansprache vom päpstlichen Kämmerer Àrpád Bossányi ... gehalten wurde. Nach der von Begeisterung und heißer Vaterlandsliebe geprägten Rede trat der Oberstaatsanwalt der Stadt Kecskemét... vor das Denkmal. In seiner von tief bewegter Erinnerung geprägten Rede übergab er das Denkmal an das Komitat Ödenburg ... Anschließend legten der Obergespan, der Bürgermeister im Namen der Stadt und des Komitates Ödenburg, der Kommandant der 5. Aufständischengruppe, Finanzamtsoberrat Paul Gebhart aus Steinamanger .... Kränze nieder. Im Namen der Gemeinde Agendorf nahm Wirtschaftsrat Michael Kirchknopf ... das Denkmal mit einer wohlgeformten, deutschsprachigen Rede in Empfang. Am Grab von Ladislaus Baracsi hielten Parlamentsabgeordneter Stefan Héjjas und Szaléz Gerecs eine herzergreifende Rede.“

 

Viele Jahre nach 1921 erhielt also der „Kampf um Agendorf“ eine Genkstätte, allerdings nicht das Gefecht vom 8. September, nicht die Gefallenen dieser Schlacht und auch nicht die erfolgreichen Anführer Maderspach und Gebhardt. Maderspach war längst aus dem Militärdienst entlassen, Gebhardt mit einem Beamtenposten versorgt. Die beiden „Karlisten“ konnte man nicht auch noch zu Helden machen. Dafür musste der „brave Baracsi“ herhalten - sehr zum Ärger vieler Agendorfer, die einen Würdigeren gewünscht hätten. Denn am „Heldentod“ Baracsis hegte man nicht nur Zweifel, man war in Agendorf davon überzeugt, dass er von einem seiner Gesellen erschossen wurde.

 

Was war an jenem 28. August 1921, kurz nach dem Einmarsch der österreichischen Gendarmerie, geschehen? Unmittelbar davor waren ungarische Aufständische in Ödenburg eingetroffen, Leute des Ivan Héjjas, die gegen die Österreicher vorrückten. Der Angriff auf Agendorf, etwa 30 Personen, stand unter der Leitung des später berüchtigten Mihaly Francia - Kiss. Die Truppe blieb am Eisenbahnviadukt stehen und schickte sechs Mann aus, um die Lage in Agendorf zu erkunden. Mátyas Zubornyák Kecskeméti führte die Gruppe. Sie trafen auf zwei Agendorfer, denen sie die Fahrräder abnahmen. Am Ortsende sahen sie einen Gendarmen auf der Straße, auf den sie feuerten. Die Gendarmerie schoss zurück. Plötzlich fiel Baracsi, durch einen Kopfschuss getroffen, um und war sofort tot. Nach einiger Zeit mussten sich die Freischärler zurückziehen. Baracsi wurde von Pfarrer Scholtz auf dem Agendorfer Friedhof begraben, da er keine Dokumente bei sich hatte. Erst später stellte sich heraus, dass er Katholik war. Der Schuss, der ihn getötet hatte, kam aus der Richtung der katholischen Schule. Und dort waren keine Österreicher. Sogar im „Agendorfer Mosaik“ wird der Vedacht geäußert, dass der Todesschuss von jemand anderem abgegeben wurde. Der pensionierte Husarengeneral Lukschander, der direkt neben dem Schauplatz wohnte und das Geschehen beobachtete, antwortete auf die Frage, wer geschossen habe, später äußerst vorsichtig: „Vermutlich ein österreichischer Gendarm, aber das kann ich nicht beschwören.“ (Agendorfer Mosaik, S. 200).

 

Baracsi gehörte zu jener Truppe, die man in unseren Dörfern am meisten hasste, wegen ihrer Brutalität, wegen der Erpressungen, Geiselnahmen, Folterungen ... Sie nannten sich selbst „Rongyos - Gardá“, „Lumpen - Garde“, da viele Angehörige in Lumpen gekleidet, manche barfuß, waren. „Lumpen-Garde“ wurden sie auch von den Burgenländern genannt, aber nicht wegen ihrer Kleidung. Den schlechtesten Ruf hatten die Kecskeméter. Es waren mittellose, verarmte und brutalisierte, oft sehr junge und aggressive Burschen aus der Tiefebene, denen man nachsagte, dass es ihnen nicht im geringsten um Westungarn sondern nur ums Plündern ging. Ihre Anführer, Héjjas, Budaházy, der Franziskanerpater Bonis (Pater Erzengel) ... waren fanatische Nationalisten, sie hassten die Deutschen, die Juden, die Sozialisten. Sie folterten und nahmen sich einfach, was sie brauchen konnten. Um nur ein Beispiel zu nennen: zwei österreichische Soldaten, die man im Gefecht von Kirchschlag gefangen genommen hatte, wurden ermordet. Andere Freischärler, wie etwa die Leute des früheren Ministerpräsidenten Friedrich, „Grünhütler“ genannt, verachteten die Héjjas - Truppe. Sie gingen etwa im Raume Eisenstadt - Rust bewaffnet gegen die Héjjas-Leute vor und beschützten gefangene Österreichische Gendarmen vor ihnen.

 

Zu diesen Elementen, die mit einigem Recht von der burgenländischen Bevölkerung auch „Banditen“ genannt wurden, gehörte der „arme Baracsi“, der schließlich zum Helden des „Freiheitskampfes“ gemacht wurde. Nun, jede Zeit und jede Nation braucht eben ihre „Helden“ ...
 

 

Autor: Michael Floiger (2011)