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Gedanken zu seinem 60. Todestag am 8. Juli 2008
Senior Edmund Scholtz starb am 8. Juli 1948 im 79. Lebensjahr (geboren am 27.1.1869 in Zips/Oberungarn). Er wurde am evangelischen Friedhof in Ödenburg begraben. Im Jahr 1948 wurde ich geboren. Ich konnte also Scholtz nicht kennenlernen. Trotzdem war er in meinem Leben allgegenwärtig.
Wann immer in Loipersbach über die Vergangenheit Agendorfs, über Anschluss an Österreich, die Ödenburger Volksabstimmung, Zwischenkriegszeit und Vertreibung gesprochen wurde, fiel sehr bald der Name Scholtz. Wann immer vertriebene Agendorfer, unzählige Verwandte und Bekannte aus Deutschland, in den 1960er und 1970er Jahren zu Besuch kamen, getrieben vom Heimweh und mit der Absicht, während der Fahrt mit dem Korridorzug nach Deutschkreutz zumindest einen Blick auf Agendorf werfen zu können, war Scholtz Gesprächsthema. Schon als Kind faszinierte mich die Ambivalenz, mit der Scholtz gesehen und beurteilt wurde: Scholtz, der allseits geachtete Pfarrer, der Herausgeber und Autor der Zeitschrift „Gotthold“ und des beliebten „Gotthold-Kalenders“ - und Scholtz der Politiker, der Anschlussfeind, der „Magyarone“. In der eigenen Familie prallten die Meinungen nicht selten aufeinander. Meine Großmutter, eine geborene Rath und Tochter des Agendorfer Richters in der Zeit nach der bolschewistischen Räteregierung, war mit Scholtz proungarisch, mein Großvater Michael Grössing entschieden für Österreich. Aber auch für ihn war Scholtz als Pfarrer eine Respektsperson. Dass Scholtz mit seiner positiven Einstellung zum ungarischen Staat hoffnungslos gescheitert war, haben sie aber beide schon in der Zeit nach der Volksabstimmung geahnt und dann endgültig in der Zeit der gnadenlosen und gewaltsamen Magyarisierung, vor allem ab 1933, in der Gömbös-Ära, erkannt.

Mein ganzes Historikerleben lang habe ich Informationen über Edmund Scholtz gesammelt. Trotzdem habe ich noch immer kein eindeutiges Bild von dieser vielfältigen, faszinierenden, eigenwilligen und wohl auch - aus heutiger Sicht - eigensinnigen bis überheblichen, patriarchalisch rückständigen, in den Kategorien des 19. Jahrhunderts denkenden Persönlichkeit. Dieser Artikel soll daher keineswegs als Versuch einer historischen Würdigung oder gar Beurteilung verstanden werden. Er ist eher geschrieben in der Hoffnung, die Forschung auf die Persönlichkeit Edmund Scholtz aufmerksam zu machen - und ein bisschen auch in der Hoffnung, vielleicht noch einige Personen, die Scholtz persönlich gekannt haben, zu Stellungnahmen zu verleiten. Vielleicht findet sich ein junger ungarndeutscher Historiker, der sich eine Biographie zu schreiben traut. Der Ertrag einer solchen - vermutlich mühsamen - Arbeit wäre unschätzbar wertvoll, denn am Beispiel Scholtz könnte man wohl die gesamte Problematik der Zeitgeschichte des Ödenburger Landes und weit darüber hinaus auch viele Brennpunkte der Geschichte des Ungarndeutschtums aufrollen.

Vor allem müsste die Rolle, die Edmund Scholtz im Budapester Parlament als Gefolgsmann des Nationalitätenministers Jakob Bleyers gespielt hat, näher untersucht werden. Scholtz wurde ja im Jänner 1920 als Kandidat der „Christlich-Deutschungarischen Integritätspartei“ im (überwiegend katholischen) Wahlbezirk Mattersburg zum Abgeordneten in die Ungarische Nationalversammlung gewählt. Er kämpfte mit unermüdlicher Energie für den Verbleib Deutschwestungarns und später Ödenburgs bei Ungarn. Er muss damals dutzende Reden gehalten, Manifeste verfasst, Artikel geschrieben haben. Seine „ungarländische“ Gesinnung war jedenfalls nicht zu erschüttern, auch wenn er den Wunsch nach deutscher Autonomie unterstützte. Indirekt kann man aus seinen „Erinnerungen“ und aus seinen Reden auch Fragmente sein politisches Weltbild erschließen. 1924 war er einer der Mitbegründer des Ungarländischen Deutschen Volksbildungsvereins (UDV).

Die Person Edmund Scholtz hat viele Facetten. Es gibt den sehr selbstbewussten „Herrn“ Pfarrer Scholtz, abgehoben von der Gemeinde, sich seiner herausragenden Rolle als allseits anerkannte Autorität wohl bewusst. Ab 1912 war er auch Senior des Oberödenburger Seniorats. Prägend war vermutlich seine vollständige Integration in die Honoratioren-Oberschicht der Stadt und des Komitats in Vorkriegsungarn. Obwohl Scholtz selbst sehr bescheidener Herkunft war - er stammte aus der Zips, seine Mutter starben schon früh, sein Vater war Förster - entwickelte er ein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ein Standesbewusstsein, die sich mit Recht aus seinem Können und seinem Ansehen in der Gemeinde und weit darüber hinaus speisten.

Trotz dieser in seinen Erinnerungen gelegentlich spürbaren Abgehobenheit hatte er aber auch eine tiefe Zuneigung zu seiner Gemeinde, deren Geschichte er schrieb (Teil 1 der Kirchen- und Gemeindechronik). Der zweite Teil seiner Kirchen- und Gemeindechronik, nach seiner Pensionierung im Jahr 1939 verfasst, wurde nicht publiziert. Sie wurde dankenswerter Weise von Herrn Michael Böhm erst in jüngster Zeit mit Zustimmung der Nachkommen in einem Privatdruck (teilweise) veröffentlicht. Diese Erinnerungen an seine lange Zeit als Pfarrer in Agendorf ermöglichen es, zumindest einige Komponenten im Weltbild des Pfarrers Scholtz zu erkennen. Ausgespart blieben freilich gerade die interessantesten politischen Ereignisse.

Geradezu liebevoll beschreibt Scholtz die Ortsbevölkerung, die er hierarchisch in die „Dorfintelligenz“, die Bauern und in die Kleinhäusler - Handwerker - Arbeiterschicht gliedert. Der „Dorfintelligenz“ wie etwa den Ärzten oder dem pensionierten Husarengeneral Lukschander sowie den Beamten widmet Scholtz viele Seiten seiner Erinnerungen und vergisst nicht, darauf hinzuweisen, dass er persönlich in diesen Kreisen verkehrte. Aber auch die Bauern beschreibt er mit einer Detailiertheit und Fachkenntnis, die jedem Volkskundler Ehre machen würde. Seine Sympathie gehört den relativ gebildeten, in der Kirchengemeinde voll mitwirkenden, den Herrn Pfarrer und die Komitatsbeamten als Autorität voll akzeptierenden „Großbauern“ wie etwa den Dorfrichter Gottlieb Wödl. „Der Gesamteindruck aber war der, dass Agendorf von einem aufrechten, freundlichen, anständigen und sehr fleißigen deutschen Volk bewohnt wird, das seine Kirche liebt und seinen Pfarrer, sowie seine Lehrer ehrt und schätzt“ (Gemeindechronik Teil II; S. 24).

Die Kleinhäuslerfamilien lässt er ganz idyllisch vom Korbmachen, Besenbinden, Pilz- und Beerensuchen leben. Die Arbeiterfrauen arbeiteten im Sommer, während der Ernte, bei den Bauern und wurden mit Naturalien entlohnt. Sie, die Arbeiterfamilien, „gehörten fast zur Sippschaft“. Die höchst prekäre Situation, in der diese Gruppe in den 30er Jahren war, die hohe Arbeitslosigkeit, die Verschuldung, will er offenbar nicht sehen. Er erwähnt auch die vielen Wochenpendler, die nach Österreich, in den Wiener Raum, fuhren, weil sie dort weit mehr verdienten als in den Ödenburger Fabriken. In diesem Zusammenhang macht er auch eine der wenigen Andeutungen zu den politischen Verhältnissen: „Dass unsere Arbeiter von Österreich auch die Ideen der damals dort schon stark verbreiteten ‘Sozialdemokratie’ mitbrachten, soll nicht unerwähnt bleiben.“ (
Gemeindechronik Teil II; S. 61). Scholtz zeigt also wenig Verständnis für die soziale Dynamik, die Agendorf so wie viele andere Dörfer besonders im Umlreis der Städte schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert erfasst hatte.

Auf die politisch-weltanschaulichen Gegensätze geht Scholtz nur kurz ein: „Früher hatten die ‘Liberalen’ hier das Heft in der Hand. Zu diesen gehörten teils wohlhabendere, wie ältere Bauern. Nun traten aber die ‘Radikalen’, teils aus kleineren Bauern und Kleinhäuslern und jüngeren Leuten auf den Plan. Es gelang ihnen, im Presbyterium der Kirchengemeinde die Führung an sich zu ziehen. Doch waren es lauter ernste und ehrbare Männer, welche sich ... zugunsten des jungen Lehrers Samuel Weber einsetzten. Lehrer Purt zählte zu den ‘Liberalen’, Lehrer Weber zu den ‘Radikalen’“ (
Gemeindechronik Teil II; S. 37).

Eher wenig Raum nimmt in den Erinnerungen von Scholtz die „nationale Frage“, die Sprach- und Schulsprache ein, obwohl sie in seiner ganzen langen Amtszeit wohl eine zentrale Rolle gespielt haben muss. Vom Anfang an war der junge Kaplan offenbar gewillt, der magyarischen Sprache einen größeren Stellenwert zu geben. So erwähnt er mit leicht kritischem Unterton, dass sein „Pfarrherr“ Fleischhacker, der in Basel studiert hatte und von der Theologenausbildung in Ödenburg wenig hielt, in der deutschen Geschichte und Literatur „wohl bewandert“ war, die ungarische Literatur aber kaum kannte und dafür auch nicht zu interessieren war, und dass dieser mit ihm ausschließlich deutsch sprach. Als Pfarrer hat Scholtz dann einige Neuerungen eingeführt, die keineswegs allen passten, die man aber als notwendigen Tribut an den Zeitgeist hinnahm: Zu „Kaisers Geburtstag“ am 18. August musste ein Festgottesdienst gehalten werden. Am Schluss ließ Scholtz nicht mehr wie bisher das „Gott erhalte...“ sondern die ungarische Nationalhymne „Isten áld meg a magyart“ singen, angeblich weil „die Leute“ Anstoß an der deutschen Hymne genommen hätten. Auch am Stephanstag (20. August) wurde die Nationalhymne gesungen, und nach dem Ersten Weltkrieg am Heldengedenktag, „bei welchen in Predigt und Gebet auch die ungarische Sprache jedes Mal zur würdevollen Geltung kam.“ (
Gemeindechronik Teil II; S. 67).

Auch das gesamte Geschehen rund um den Anschluss des Burgenlandes an Österreich und um die Volksabstimmung erwähnt Scholtz kaum, trotz der zentralen Rolle, die er dabei als Abgeordneter in Budapest und in Westungarn an der Seite des katholischen Pfarrers in Ödenburg, Dr. Johannes Huber, gespielt hat. Das muss man sehr bedauern, aber es stehen dafür aber auch andere Quellen zur Verfügung. Scholtz wollte „seine Agendorfer“ als ungarische Patrioten sehen. Ein einziger Absatz in seinen Erinnerungen bezieht sich darauf. Er soll hier zitiert werden:
„Es ist verständlich, dass in nationaler Hinsicht das nach Westen, Süden und Norden geschlossene und bis an die Österreichische Grenze reichende völkisch bewusste deutsche Hinterland, mit dem die meisten Agendorfer auch in steter wirtschaftlicher Verbindung standen, einen großen Einfluss auch auf die Bevölkerung ausübte. Dieser ihrer Einstellung gaben dann einzelne bei ihrer im Wirtshaus oder im Buschenschank entstandenen Weinlaune manchmal auch in kategorischer Form zum Ausdruck. So hörte ich eines Tages, dass in der vorhergehenden Nacht der junge Landwirtesohn Michael Böhm und der ebenfalls noch ganz junge Fleischhauer Ferdinand Steiner ... zu der Äußerung hinreißen ließen: ‘Dort unterhalb von Kohlenhof gehört die Grenze hin!’ Ich nahm damals lebhaften Anstoß daran, legte aber der Sache damals keine große Bedeutung bei. Es fiel mir damals auf, dass der Ortsname von allen und beständig ‘Agendorf’ also deutsch genannt wurde ...“ (S. 39) Hätte der Herr Pfarrer genauer auf Volkesstimme gehört, hätte er diese Meinung wohl öfters und nicht nur von betrunkenen Jugendlichen gehört. Damals und bis in die Anschlusskämpfe hielt er an seiner großen Illusion fest: „Im Großen und Ganzen erfüllte jedoch die Bewohner des damaligen Agendorf derselbe Geist, der in den Familien ihrer selbst gewählten Führer, des Pfarrers, Lehrers und Notars herrschte: nämlich bewusste deutsche Volkszugehörigkeit und ebenso bewusste Staatstreue zu Ungarn.“ Schon damals, um die Jahrhundertwende, als sich dieser „Vorfall“ ereignete, dürfte Scholtz die Meinung der „Dorfhonoratioren“ mit der der Bevölkerung verwechselt haben. Der Ausgang der Ödenburger Volksabstimmung, die ja in Agendorf eine große Mehrheit für Österreich erbrachte, muss eine schlimme Enttäuschung gewesen sein.
Es fehlt auch ein weiteres Schlüsselerlebnis, das Scholtz offenkundig bewogen hat, sich politisch zu betätigen: Die Räterepublik. Sie hat die Dorfbevölkerung emotionalisiert, ja aufgewühlt wie kein anderes Ereignis. Wahl des „Arbeiter- und Bauernrates“, Kirche und Schule enteignet und verstaatlicht, die Drohung, auch die Bauern zu enteignen, Alkohol- und Tanzverbote, das Auftreten der kommunistischen „Kommissare“, die Radikalität Sandor Kellners und Tibor Szamuelis - das alles hat die bisher führende Schicht auch im Dorf traumatisiert. Der passive Widerstand - etwa in der Weigerung, das neue, „weiße“ Geld anzunehmen, war auch in Agendorf sehr stark.

Die ausgeprägt antisozialistische Grundhaltung, die sich dann auch in der Ablehnung eines Anschlusses an das „rote“ Österreich äußerte, hat hier jedenfalls ihre Wurzeln. Es ist durchaus möglich, dass Scholtz entsprechende Passagen in seinen „Erinnerungen“ gestrichen hat, wie der Herausgeber Michael Böhm andeutet. Es könnte ja sein, dass Teile der Erinnerungen erst zwischen 1945 und 1948 geschrieben wurden. Michael Böhm liefert uns in seinen Ergänzungen zu den „Erinnerungen“ des Pfarrers Scholtz ein überaus aufschlussreiches Protokoll der Sitzung der Gemeinderepräsentanz (des Gemeinderates) am 14. August 1919, nach dem Sturz der Räteregierung, das die Stimmung, in der sich die führende Schicht befand, widergibt:
„Sturz der Revolutionsregierung. Ein schäbiger Defraudant, namens Adalbert Kohn, magyarisiert auf Béla Kun, ein Jude, war der Revolutionspräses im Lande. Für Sopron /Ödenburg war Alexander Kellner, ebenfalls ein Jude, der politische Kommissar. Verflucht soll das Andenken dieser Volks- und Landesbetrüger sein. ... Sämtliche während der Rätezeit gefassten Beschlüsse werden als null und nichtig erklärt“ (Gemeindechronik Teil II; S. 88). Der „Direktor“ (der an die Stelle des Richters getreten war) wurde abgesetzt und an seiner Stelle der reiche Bauer Johann Rath als Richter eingesetzt.

Es fiel Scholtz wohl auf, dass „trotz der Nähe zu Ödenburg, mit ihren vielen auch evangelischen Schulen, was sonst das Studium sehr erleichtert hätte, verhältnismäßig nur wenig akademisch Gebildete, sogenannte Studierte, hervorgingen.“ (Gemeindechronik Teil II; S. 62) Er erwähnt die Pfarrer Harnwolf, Lostorfer, Hollndonner, Kirchknopf und Grössing, den Lehrer Karl Mayer, den Rechtsanwalt Dr. Proßwimmer und die Kaufleute Thomas Kirchknopf (Ofen/Buda), Hauer, Hackstock (Ödenburg) und Kirchknopf (Güns). In der Zwischenkriegszeit würden nun, meint er, weit mehr Agendorfer in Ödenburg studieren. Nach den Ursachen dieser auffallenden Tatsache fragt Scholtz zunächst nicht. Er erkennt offenbar nicht den negativen Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit und den mangelnden Aufstiegschancen in vielen Bereichen, etwa in der Verwaltung. Später schildert er die beachtlichen Beamtenkarrieren seiner beiden Schwäger aus der Familie des Agendorfer Notars Gustav Adolf Blickle - nach deren Magyarisierung „Bartfay“. Gustav Adolf Bártfay war Jurist, wurde in das Finanzministerium berufen und war um 1940 sogar Staatssekretär. Emil Rudolf Bartfay, Vitéz (=Held), war Oberregierungsrat in Budapest und im 2. Weltkrieg Leiter der Militärsection. Scholtz liefert damit selbst - ohne dass ihm dies wahrscheinlich bewusst war - die Erklärung für diese bescheidene Aufsteigerquote.

Was Scholtz offenbar ebenfalls nicht sehen wollte oder zumindest nicht beschrieb, weil es im nachhinein ja sein Eintreten für den Verbleib bei Ungarn ins Unrecht setzte, waren die enormen Probleme, die junge Agendorfer an den Ödenburger Schulen bekamen, wenn sie auf ihr Volkstum beharrten. Gerade diese Aussichtslosigkeit auf einen gesellschaftlichen Aufstieg trotz entsprechender (ungarischer) Schulbildung war es ja, die nahezu die ganze junge Generation in den Volksbund trieb. Diese war nicht mehr bereit, den sozialen Aufstieg mit nationalem Identitätsverlust zu erkaufen - und genau dieser wurde nach Trianon verlangt. Scholtz übersah, dass - anders als noch in seiner Jugend, das Bekenntnis zum ungarischen Staat und die Zweisprachigkeit nicht mehr genügten, um die Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft zu erreichen. Es wurde das „aktive“ Bekenntnis zur magyarischen Nation verlangt und den Schülern und Studenten klar gesagt: Ihr habt als Deutsche keine Chance, ihr müsst Magyaren werden, und zwar voll und ganz. Ihr müsst als sichtbares Zeichen eure Namen ablegen, und sei es auch nur für die bescheidene Anstellung bei der Bahn, der Post oder beim Militär. In Agendorf konnte diese Methode umso weniger funktionieren, als man hier ja im unmittelbaren Kontakt zum deutschen Sprachraum stand.

Parallel zu diesen Veränderungen der Rahmenbedingungen hat sich aber auch - vielfach als Reaktion auf den immer brutaler werdenden Magyarisierungsdruck - das Selbstwertgefühl der Deutschen in Ungarn geändert. Dazu hat Scholtz als Mitbegründer des Ungarndeutschen Volksbildungsvereins und als Gefolgsmann Jakob Bleyers ja nicht unwesentlich beigetragen. Nur waren alle Versprechungen unerfüllt geblieben, wie zuletzt Norbert Spannenberger in seiner ausgezeichneten Monographie über den „Volksbund unter Horthy und Hitler“ deutlich gezeigt hat. Jeder Kontakt mit den staatlichen Behörden demonstrierte erneut, manchmal auf demütigende Art und Weise, wie wenig man geneigt war, auch nur die bescheidenste kulturelle Autonomie zu geben. Das Bleyersche Ideal vom Ungarndeutschen als guten magyarischen Patrioten funktionierte nicht mehr. Das multiethnische Reich der Stephanskrone war zum magyarischen Nationalstaat geworden, der seine Minderheiten um jeden Preis zu Magyaren machen wollte. Für Scholtz muss dies im höchsten Grad enttäuschend gewesen sein, zumal er selbst ja wiederholt heftigen Angriffen der Nationalisten ausgesetzt war. In seinen Erinnerungen merkt man davon allerdings nichts. Das zeugt von einem sturen Festhalten an seiner Grundhaltung. Vielleicht hatte er auch die Aussichtslosigkeit eines Widerstandes erkannt, vielleicht dachte er auch an die Zukunft seiner Kinder. Für alle diese Motive müsste man Verständnis aufbringen.

In einem einzigen Punkt zeigt Scholtz große Nachdenklichkeit. Man merkt es dem Text förmlich an, wie er hier mit sich selbst ringt. Er beklagt die zunehmende „Kulturlosigkeit“ der jüngeren Generation im Vergleich zur älteren Bauerngeneration, die in Wort und Schrift noch sattelfest war. „So viel ich aber auch über die Ursache dieses kulturellen Rückfalls nachsinne, kann ich keine andere Ursache ersinnen, als die Einführung und beständige Forcierung des zweisprachigen und dabei ganz besonders des für die Schulkinder unverstandenen, folglich fremdsprachigen magyarischen Unterrichts. Das führte zum Zurückdrängen und schließlich von 1907 (an) zum gänzlichen Einstellen des Unterrichts in der Muttersprache, in der er in der Schulzeit dieser gediegenen Männer ausschließlich erteilt wurde“ (
Gemeindechronik Teil II; S. 44).

Mit „Kulturlosigkeit“ meinte Scholtz offenbar die mangelhaften Lese- und Schreibfähigkeit, trotz der enormen Anstrengungen der Lehrer. Dabei waren die Startbedingungen für den zweisprachigen Unterricht keineswegs schlecht. Zur Zeit Fleischhackers wurde vier Wochenstunden Ungarisch unterrichtet. Und es war wohl den meisten Deutschungarn klar, dass man auch aus wirtschaftlichen Gründen die Staatssprache erlernen musste. Scholtz weist mit Recht darauf hin, wie gut das funktionierte, vor allem durch den „Kindertausch“. Die völlige Unterdrückung der Muttersprache aber führte in den Abgrund. Es muss für Scholtz eine bittere Einsicht gewesen sein.

Scholtz ging 1939 in Pension. Den geistigen und politischen Aufbruch, der durch den Volksbund ausgelöst wurde und besonders nach dem Wiener Abkommen von 1940 mit dem Deutschen Reich eine Explosion im Selbstverständnis auch der Agendorfer auslöste, konnte er nur mehr von Ödenburg aus beobachten. Er selbst ließ sich nicht mehr vereinnahmen. Nur einmal taucht sein Name noch auf: beim Versuch, einen rein deutschen evangelischen Seniorat in Westungarn zu schaffen. Der Versuch blieb ohne Erfolg.

Die Zeit der Vertreibung der Agendorfer aus ihrer Heimat war wohl auch für Scholtz eine schwere Zeit.