H. Reitter, geboren in Harkau, jetzt wohnhaft in Kirchhain
Die Vertreibung aus unserer Heimat Harkau, wie ich, als damals 17jähriger sie erlebt habe:

Im Frühjahr 1946 gab es die ersten Gerüchte, dass wir Volksdeutschen in das ehemalige Deutsche Reich ausgesiedelt würden. Die Menschen aus dem Dorf konnten sich so was gar nicht vorstellen. So gingen sie noch ihrer gewohnten Arbeit nach. Dor irgendwie kündigte sich schon etwas an. Es kamen laufend fremde Menschen in das Dorf, mit Rucksäcken auf dem Rücken. Sie gingen durch das Dorf, suchten sich die besten Häuser aus, die nicht bewohnt waren, und nahmen sie in Besitz. Ein Teil unserer Einwohner war in den letzten Kriegstagen nach Österreich geflüchtet.
Eines Tages dann kam die Nachricht, die für uns zum Schicksal wurde. Beim Bürgermeister wurde eine Liste ausgehängt mit den Namen aller, die ihre Heimat verlassen mussten. Alles ging hin, um zu sehen, ob man auch dabei sei. Viele dachten vielleicht insgeheim, dass sie verschont bleiben würden. Aber wie es sich bald herausstellte, war alle Hoffnung vergebens. Nur eine einzige Familie durfte in der Heimat bleiben.

Da nun feststand, dass wir die Heimat verlassen müssen, war die Stimmung im Dorf schon sehr bedrückend. Dann gab es wieder eine Parole im Dorf, und die Menschen glaubten daran. Es wurde erzählt, sie bringen uns nur bis zur Grenze, nehmen uns alles weg, und dann können wir wieder nach Hause. Leider war das auch ein großer Irrtum, was wir ja erst jetzt im Nachhinein wissen.

In dieser Zeit war kein Leben mehr im Dorf, die Menschen waren lustlos, das Arbeiten hatte keinen Sinn mehr. Die Menschen saßen in Gruppen vor ihren Häusern und diskutierten über die Zukunft, die ja ungewiss war. In der letzten Woche, bevor wir unsere Heimat verlassen mussten, kam ein großes Polizeiaufgebot und besetzte alle Ausgänge des Dorfes, so dass die Einwohner das Dorf nicht mehr verlassen konnten.

Und dann kam jener Tag, Samstag der 11. Mai 1946, an dem für ein Dorf und seine Menschen eine Jahrhunderte alte Kultur auf einen Schlag ausgelöscht wurde.

Ein Dorf hatte aufgehört zu bestehen, für die Menschen die hier lebten und glücklich waren, war alles vorbei. Wir hatten nun keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr.

An diesem Samstagmorgen um 7 Uhr wurde mit der Räumung des Dorfes begonnen. Da unser Bahnhof etwa 2 km vom Dorf entfernt war, wurden wir mit Pferden oder Kuhgespannen zum Bahnhof gebracht. Am unteren Dorfende fing es an. Wir selbst wohnten mitten im Dorf. Und in der Zeit, bis wir an der Reihe waren, standen wir an der Straße und sahen, wie ein Wagen nach dem anderen vorbeifuhr. Die Wagen gepackt mit Kisten und Bündel, obendrauf saßen die Menschen, und mit Tränen in den Augen blickten sie noch ein letztes Mal zurück auf alles, was sie verlassen mussten. Es war bestimmt für jeden die schwerste Stunde seines Lebens.

Wir selber waren dann um die Mittagszeit an der Reihe. Als wir dann im oberen Dorf ankamen, dort wo die zwei Kirchen stehen, das Kriegerdenkmal und die zwei Schulen, da schlug die Glocke vom Turm gerade 12 Uhr. Anschließend läutete mein Großvater zum letzten Male die Glocken. Als dann die Glocken verstummten, ging der Kolb Karl-Vetter vor das Kriegerdenkmal und spielte da mit seiner Trompete das Lied „Heimat deine Sterne“. Die Menschen standen da und nahmen im stillen Abschied von ihrer Heimat. Dann ging es zum Bahnhof. Da stand schon ein Güterzug bereit. Zu je 30 Personen wurden wir dann in einen Waggon verfrachtet. Am späten Nachmittag war unser Dorf von seinen Ein-wohnern geräumt.

Am nächsten Tag frühmorgens, es war ein Sonntag, ging unsere Reise ins Ungewisse los. Unter englischer Zugbegleitung ging es Richtung Grenze. Leider gab es an der Grenze keinen Aufenthalt, es gab kein zurück mehr.

Dann ging es über Wien und Linz, bei Passau über die deutsche Grenze. Wir fuhren nun schon tagelang und die Menschen wurden immer stiller und nachdenklicher. Es ging weiter über Nürnberg durch die Rhön nach Fulda bis Bebra, an die Zonengrenze zur ehemaligen Sowjetzone. Nun gab es die Befürchtung, dass wir wieder zu den Russen kämen.

Glücklicherweise wurde aber die Richtung geändert und es ging nach Süden, über Kassel nach Marburg. Mittlerweile waren wir schon acht Tage unterwegs. Am Samstag, den 18. Mai, kamen wir in Marburg an der Lahn an. Hier wurde der Transport aufgelöst.

Wir wurden im Kreis Marburg auf 22 Ortschaften verteilt. Wir, meine Eltern und Verwandten fuhren noch 3 km weiter bis nach Cölbe, wo wir ausgeladen wurden.

In Cölbe am Bahnhof saßen wir und warteten bis uns jemand abholt. Am späten Nachmittag kamen dann zwei Pferdegespanne und brachten uns in das 5 km entfernte Beziesdorf, unsere neue Heimat. Dort angekommen wurden wir mitten auf dem Dorfplatz abgestellt. Mittlerweile wurde es schon dunkel, aber es tat sich nichts. Wahrscheinlich gab es Probleme mit der Unterbringung. Wir saßen da auf dem Dorfplatz mit unseren Habseligkeiten, rundherum standen die Einheimnischen und bestaunten uns wie Wesen aus einer anderen Welt. Da wir ja acht Tage unterwegs waren und keine Möglichkeit hatten, uns zu waschen oder zu rasieren, kann man sich ja vorstellen, wie wir da ausgesehen haben.

Endlich, es war schon dunkel, da kam der Bürgermeister und wir bekamen eine Unterkunft zugeteilt. Es war ein Zimmer mit etwa 16 m2 für 4 Personen. Wir hatten keine Möbel, wir schliefen monatelang auf dem Fußboden, als Tisch hatten wir eine Kiste, die wir mitgebracht hatten. Zum Glück war ein Ofen da, so dass wir uns wenigstens etwas kochen konnten.

Und das war nun unser neues Zuhause – das war der Anfang in der neuen Heimat.