Maria G., geboren in Agendorf, jetzt wohnhaft in Waldbrunn
Im Frühjahr 2006 sind es 60 Jahre, dass wir aus unserer Heimat ausgewiesen wurden.

Einige deutsche Familien durften in meinem Heimatort (Agendorf) zurückbleiben. Seit der Wende 1989 wagen sie es, sich wieder öffentlich zu ihrer deutschen Abstammung zu bekennen. Aus Anlass des 50. Jahrestages wurde am 14. April 1996 in Agendorf ein Gedenkstein enthüllt.
Millionen Volksdeutsche mussten damals zwangsweise ihre Heimat verlassen. In Agendorf lebten 90% Deutsche; dreiviertel davon wurden ausgewiesen. Auch unsere Familie traf dieses harte Los. Ich war damals ein junges Mädchen. Ich will versuchen, dieses einschneidende Erlebnis so niederzuschreiben, wie ich es zu der Zeit empfand und wie es mir in Erinnerung geblieben ist.

In der „Konferenz von Potsdam“ fassten die Siegermächte den Beschluss, dass der größte Teil der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn nach Deutland „zurückgeführt“ ewerden soll. Für uns jedoch, die wir aus Sopron (Ödenburg) und den umliegenden Dörfern stammten, war es keine Umsiedlung, sondern eine Aussiedlung. Seit Kaiser Karl d. Großen, also seit über tausend Jahren, lebten und wirkten unsere Ahnen in diesem Gebiet, das vor 1921 eins war mit dem heutigen Burgenland/Österreich.

Im November 1945 ermächtigte der „alliierte Kontrollrat“ in Budapest die ungarische Regierung, die Aussiedlung durchzuführen. Schon im Januar 1946 begann man in den deutschen Gemeinden, die um Budapest lagen, mit der Ausweisung. Wir, an der österreichischen Grenze, waren weit entfernt von dort. Die Nachrichtenübermittlung war damals spärlich. Hie und da sickerte etwas durch. Aber wer sollte und konnte dieses beängstigende Geschehen schon glauben nach all den Schrecknissen, die man in den Kriegsjahren und der Zeit danach unter russischer Besatzung durchgemacht hatte. Nach dem Motto: „was nicht sein darf, kann nicht sein“, versuchten wir es zu verdrängen.

Es war in den ersten Apriltagen 1946. Die Dorfstrasse entlang marschierten ungarische Milizeinheiten. Sie waren gekommen, um die Ausweisung zu organisieren und durchzuführen. Das Dorf wurde abgesperrt. Wer es verlassen wollte, brauchte eine schriftliche Genehmigung. Ich ging in dem fünf Kilometer entfernten Sopron zur Schule und brauchte einen Ausweis. Auch die Bauern durften nur mit Ausweis das Dorf verlassen, um die Felder zu bestellen. Sie taten dies bis zuletzt. Ich erinnere mich, dass mein Vater eine Genehmigung holte, um noch einige Tage vor der Ausweisung die Kartoffeln zu stecken. Heute scheint das unbegreiflich. Warm hat man nicht die schönen Frühlingstage genutzt, um in Ruhe Abschied zu nehmen und mit Überlegung zu packen, was wichtig war mitzunehmen? Man wollte einfach nicht wahrhaben, dass wir die Heimat für immer verlassen müssten. Wir redeten uns ein, dass man uns für kurze Zeit wegbringt, um unsere Häuser auszuplündern, und uns danach wieder zurückkommen lässt. Das jedoch war nur Wunschdenken.

Aus meinem Tagebuch von damals entnehme ich: „Palmsonntag, 14. April 1946. Ein wunderschöner Frühlingsmorgen. Die Kirchenglocken läuteten so eindringlich, wie nie zuvor. Sie luden ein letztes Mal zum Gottesdienst in die Heimatkirche ein“. In diesem Gottesdienst wurden auch die Konfirmanden vorzeitig eingesegnet. (Bei uns fand die Konfirmation immer an Pfingsten statt). Es war eine traurige Konfirmation. Eine große Gemeinde feierte mit ihnen das Heilige Abendmahl.

Am Montag darauf ging der erste Transport von Agendorf ab. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von Verwandten und Freunden, die ins Ungewisse fuhren. In den folgenden Tagen und Nächten geschah so viel, dass in der sonst so engen Dorfgemeinschaft jeder nur das wahrnehmen konnte, was seine Familie betrag. Man packte, suchte Rat beim anderen und fütterte die Tiere. Ich ging noch einmal nach Sopron, um mich in der Schule zu verabschieden.

In diesen Nächten wurde unsere Familie des Öfteren aufgescheucht, von Russen und Ungarn. Sie verlangten Wein, immer wieder. Sie rissen die gepackten Kisten auf und suchten danach. Meinen Bruder Josef, der damals als einziger von meinen vier Brüdern aus dem Krieg zurück war, drohten sie zu erschießen. Unsere Hilfeschreie in die Nacht schreckten die Eindringlinge endlich ab. Zwar hörte man unser Schreien im halben Dorf, doch wer hätte uns schon helfen können? Außerdem traute sich nachts keiner aus seinem Haus. Nach dieser Nacht sagte mein Vater: „Kinder, betet, dass wir keine Nacht mehr hier verbringen müssen“. Dieses erschreckende Erlebnis trug wohl auch dazu bei, um die Tatsache, Haus und Hof verlassen zu müssen, leichter ertragen zu können.

Am Gründonnerstag war auch für die restlichen Agendorfer und der ersten Gruppe aus der Nachbargemeinde Wandorf der Tag ge-kommen. Da der bereitgestellte Zug nicht ausgelastet war, bekamen die Wandorfer erst am Abend zuvor den Ausweisungsbefehl. Auf einem Abstellgleis außerhalb unseres Dorfes wurde der Transport zusammengestellt. Die einzelnen Familien fuhren ihre Habe dorthin und luden ein. Im Unterschied zu vorausgegangenen Transporten aus anderen Gebieten durften wir mitnehmen, was neben 30-40 Personen in einem Güterwaggon Platz hatte.

Am Nachmittag suchte ich mit meinen Geschwistern nochmals unser Haus auf. In den Obstgärten hinter den Häusern standen die Bäume in voller Blüte. Wir pflückten Zweige. Später schmückten wir damit die Waggons. Die Bienen meines Bruders sammelten emsig den süßen Nektar. Das Wohnhaus war abge-schlossen. Im Hof und den Wirtschaftsräumen hantierte die ungarische Nachbarin. Sie sah sich schon als neue Hausherrin. Auf dem Treppenabsatz unseres Hauses servierte sie uns warme Suppe und zwar in einem Topf, den wir für Schweinefutter benutzt hatten. Ich konnte nichts essen. So schnell hatte man uns zu Bettlern gemacht.

Im Herbst 1945 wurden ungarische Familien in unserem Ort angesiedelt. So auch unsere Nachbarn. Sie bezogen die Häuser der Agendorfer, die im März 1945 vor den Russen geflohen waren. Wir pflegten keinen Kontakt mit ihnen. Sie waren nicht so fleißig und strebsam wie unsere Leute. Außerdem hatten unsere neuen Nachbarn verlauten lasen, dass sie unser Haus beziehen würden, wenn man uns „rausgeschmissen" habe. Unser Haus war neuer, größer und gut möbliert.

Gegen Abend schob man den Zug in den Agendorfer Bahnhof. Die Zurückbleibenden und die Gemeindepfarrer kamen, um uns zu verab-schieden. Viele Tränen flossen. Heute klingt es wie Ironie, doch damals kam es aus wehem Herzen: andächtig sangen wir die ungarische Hymne „Gott segne die Ungarn“. Was mögen sich die ungarischen Aufseher dabei gedachten haben! – Ein letztes Mal läuteten uns die Heimatglocken.

Gegen Morgen 3:45 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Bei Tagesanbruch hielten wir in Wiener Neustadt an. Wir waren erleichtert, denn nun wussten wir, dass wir in den Westen fuhren. Denkbar wäre auch gewesen, dass man uns nach Russland deportiert hätte. Ostersonntag standen wir am Linzer Bahnhof. Dort gab es die erste Verpflegung. Nach einer Woche Fahrt über Passau, Regensburg, Nürnberg, Würzburg, Aschaffenburg, Heidelberg kamen wir abends in Neckarzimmern an. Wir übernachteten noch im Zug.

Am Morgen des 24. April 1946 wurden wir ausgeladen und auf einzelne Ortschaften verteilt. Die Gruppen nach Waldkatzenbach und Schollbrunn wurden direkt von Neckarzimmern abgeholt. Uns brachte ein Zug noch nach Neckargerach. Mit unseren Kisten, Körben, Koffern und Säcken warteten wir am Bahnhof. Wir standen und warteten. Ein Bahnbeamter fragte uns, wohin wir kämen. Wir antworteten: „nach Strümpfe oder so ähnlich“. „Ach, das liegt dort oben“, sagte er und zeigte auf die bewaldete Höhe. Endlich gegen Abend fuhr ein Holzvergaser vor und holte uns ab. Die Fahrt auf die Höhe wollte kein Ende nehmen, so lange kam sie uns vor. Ein Teil unserer Gruppe wurde in der Schule untergebracht. Unsere Familie lud man am Carl-Schenkel-Heim ab. In dieser Nacht konnten wir uns alle auf dem Boden ausstrecken und schliefen sicher gut.

Am nächsten Tag kamen Herr Heinz Neureuter und Herr Pfarrer Nessler. Sie fragten Verschiedenes. Meine Mutter erzählte von zu Hause. Das tat ihr sicher gut. Am Tag darauf erschien das Pfarrerehepaar und eröffnete uns, dass sie bereit wären, im Pfarrhaus für uns zwei Zimmer auszuräumen. Welch ein Glück für uns! Wir waren sieben Personen und in keinem anderen Haus in Strümpfelbrunn hätte man eine so große Familie zusammen unterbringen können. Bald bekamen auch die anderen Agendorfer einen Wohnraum zugewiesen. In der Regel spielte sich unser Leben damals in einem Raum ab. Aber wir waren damit zufrieden und dankbar dafür. Zur Information für die jüngeren Leser füge ich hinzu, dass die Häuser zu der Zeit kleiner gebaut waren, und dass bei vielen Familien noch evakuierte Verwandte oder Bekannte wohnten. Überall ging es eng zu. Umso bemerkenswerter ist es, dass man uns meistens verständnisvoll aufnahm, und dass es nur selten ernsthafte Spannungen gab zwischen den „Altbürgern“ und den „Neubürgern“.

Viele Menschen sind uns damals beigestanden. Sie haben auf unterschiedliche Weise geholfen, die größte materielle und seelische Not zu lindern. Ich kann hier nicht alle aufzählen, aber in unserer Erinnerung haben sie ihren festen Platz. Viele leben nicht mehr. Denen aber, die diesen Bericht noch lesen können, möchte ich an dieser Stelle Dank sagen im Namen aller Betroffenen.