Richard Steiner, geboren in Harkau, jetzt wohnhaft in Grünberg/Hessen
(aufgeschrieben vom Neffen Robert Steiner).

Ich bin Harkauer. Dort wurde ich 1921 als 3. Sohn der Eheleute Stefan Steiner und Katharina, geb. Ecker, geboren. Wir gehörten zur katholischen Minderheit.
Die allgemeinen Vorgänge in Harkau anlässlich der Vertreibung sind von Herrn Schindler auf dieser Internetseite bereits ausführlich beschrieben worden, so dass ich nur noch persönlich Erlebtes anhängen möchte.
Gedient hatte ich bei den ungarischen Streitkräften und es war mir nach dem Kriegsende gelungen, mich zu meinem Heimatort durchzuschlagen, ohne in Gefangenschaft zu geraten.

Schon bald kam dort das Gerücht auf, dass alle Deutschstämmigen aus Harkau ausgewiesen werden sollten. Wir sind jedoch davon ausgegangen, dass die Ausweisung schlimmstenfalls nur vorübergehend sein werde. Konkret wurde es, als der Bürgermeister Buchhaas die Ausweisungsverfügung und die Modalitäten bekannt gab.

Russische Einheiten begannen zunächst damit, Leute eher auf freiwilliger Basis ins benachbarte Horitschon nach Österreich zu verfrachten. Teile meiner Kaiser-Verwandtschaft leben dort heute noch. Auch meine Familie war hierfür vorgesehen. Dieses Angebot wurde jedoch von meinen Eltern ausgeschlagen – man wollte lieber mit den anderen nach Deutschland. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hatte man die Hoffnung, von dort leichter und sicherer in die Heimat zurückkehren zu können.
So bereiteten wir uns auf die Reise mit ungewissem Ausgang nach Deutschland vor. Die wichtigsten Dinge wurden in Kisten zusammengepackt, Einrichtungsgegenstände bei den Leuten in Verwahrung gegeben, die von der Ausweisung nicht betroffen waren und schließlich alle möglichen und transportfähigen Lebensmittel zur Mitnahme vorbereitet.

Ohne meine beiden älteren Brüder Stefan und Robert, die ebenfalls als Soldaten in den Krieg mussten und deren Verbleib vollkommen unbekannt war, zogen wir am 12. Mai 1946 zum Bahnhof Harkau-Kolnhof. Von den bereits im Dorf befindlichen Ungarn wurden wir kontrolliert und diese bedienten sich an den Wertsachen der Deportierten. Dem Johann Strorigl wurden sogar die Schuhe ausgezogen. Mit den Familien Strohrigl, Trinkl und anderen mehr kamen wir in einen der bereit stehenden Viehwaggons. Einen ersten Halt gab es in Ödenburg – hier wurde der Transport um Deutschstämmige aus Ödenburg ergänzt. Ebenfalls angehängt wurden drei Waggons mit Vertriebenen aus Wolfs.

Der Zug fuhr dann unter Aufsicht der englischen Streitkräfte nach Österreich hinein. Auf der Reise, die 6 Tage dauern sollte, waren wir fast ausschließlich auf unsere eigenen Lebensmittelvorräte angewiesen. Unterwegs gab es höchstens mal einen heißen Tee vom Roten Kreuz.

Bei einem der vielen Zwischenaufenthalte, die ich heute nicht mehr lokalisieren kann, kam es zu folgendem unglaublichen Ereignis:

Der Zug hielt in Österreich an einem größeren Bahnhof - wahrscheinlich Linz oder Salzburg. Hier stand zufällig ein Transport mit vielen ehemaligen deutsch-ungarischen Soldaten, die bereits aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden waren. Sie befanden sich auf dem Wege dorthin, wo wir gerade her kamen.

Immer auf der Suche nach ihren noch vermissten Söhnen rief meine Mutter ihre Namen und fragte bei den Soldaten nach ihnen. Auch die anderen Familienmitglieder beteiligten sich an der Suche und ein kleines Wunder geschah:

Mein Bruder Robert stand plötzlich vor uns. Überglücklich lag man sich in den Armen und Robert stieg zu uns in den Zug. Er trug noch seine Uniform und sein gesamter persönlicher Besitz beschränkte sich auf sein Feldgeschirr.

Getrübt wurde die Freude erheblich dadurch, dass das zweite Wunder ausblieb: Der Verbleib meines ältesten Bruders Stefan, der bereits verheiratet war und dessen Frau und drei kleine Kinder mit im Waggon waren, konnte niemals aufgeklärt werden.

Mit einem Familienmitglied mehr wurden wir nun durch halb Deutschland gefahren und landeten schließlich in Marburg an der Lahn. Von hier kam der Waggon unserer Familie nach Wittelsberg. Allein dieses kleine Bauerndorf südlich von Marburg musste mehr als 60 Personen aus Harkau aufnehmen. Wie überall gestaltete sich auch hier die Unterbringung schwierig. Die Bereitschaft der Einheimischen, z. T. unter erheblicher Einschränkung der eigenen Wohnmöglichkeiten vollkommen fremde Leute aufzunehmen, hielt sich sehr in Grenzen. Zunächst wurden alle Vertriebenen im Saale der Gaststätte Nau untergebracht – von hier erfolgte dann etappenweise durch einen sehr missmutigen Bürgermeister die Verteilung auf die einzelnen Häuser.

Meine Familie (5 erwachsene Personen) bekam ein Zimmer im Wohnhaus der Bauern Lauer. Dies war für uns ein Glücksfall und es gibt viele Anlässe, diesen Leuten dankbar zu sein.

Zunächst hielten wir uns mit Hilfsarbeiten bei den Bauern im Dorf über Wasser – aber noch im Jahre 1946 fanden wir Kinder feste Anstellungen und gingen unsere eigenen Wege.