Eva, geboren in Wandorf, jetzt wohnhaft in Aglasterhausen
Meine Familie und ich wurden mit dem zweiten Transport aus Wandorf ausgewiesen. An dem Tag war wunderschönes Wetter, ein richtig warmer Apriltag mit strahlendem Sonnenschein. Ich war acht Jahre alt, kann mich aber noch sehr gut an diesen Tag erinnern.

Morgens kam jemand (vom Amt?), wir mussten unser Reisegepäck, das wir mitnehmen wollten, vors Haus stellen (die Gepäckmenge war begrenzt). Dann mussten wir unser Haus verlassen, der Mann vom Amt hat das Haus verschlossen und wir mussten vor dem Haus warten.
Mein Vater hatte heimlich einen Schlüssel zurückbehalten und ging später mit mir verbotenerweise ins Haus zurück. Vor Wut und Verzweiflung hat er die Möbel beschädigt und verkratzt, die wir zurücklassen mussten. Für mich war das schwer nachzuvollziehen, was er da tat – all die Jahre die wir dort gewohnt haben, haben wir sehr auf unser Hab und Gut geachtet und nun das.....Heute, im nachhinein verstehe ich aber seine Beweggründe.

Es wurde Abend und wir standen immer noch vor dem Haus. Wir dachten, wir sind vergessen worden. Mein jüngster Bruder war erst 9 Monate alt. Mein Vater fragte nach und es stellte sich heraus, dass es wirklich so war. Es kam dann schließlich ein Bauer mit einem Ochsengespann und hat unser Gepäck und uns aufgeladen und die Familie zum Bahnhof nach Agendorf gefahren, es wurde schon dunkel und auch kalt. In Agendorf wurden wir dann in Viehwaggons eingeladen und der Zug fuhr auch sofort ab – wir waren die letzten, die eingestiegen sind weil wir fast vergessen wurden.

Die Zugfahrt hat mir gefallen. Für mich als 8jähriges Kind war das ein Abenteuer, ich konnte den Ernst der Situation noch nicht erfassen. Ich hatte einen Platz oben im Abteil und konnte aus dem Fenster schauen. Die alten Menschen waren traurig und weinten, auch kleine Kinder schrieen.

Im der Mitte des Abteils stand ein so genannter „Kanonenofen“, davor stand ein Kind im Kinderwagen, damit es nicht friert. Jemand kochte auf dem Ofen Wasser und das kleine Mädchen im Kinderwagen wurde versehentlich durch das kochende Wasser verbrannt, daran erinnere ich mich noch sehr gut.

Meine Mutter hatte sich auf die lange Fahrt vorbereitet, indem sie zuhause schon „Einbrenne“ gemacht hat und sie in Einmachgläser abfüllte. Mit dieser „Einbrenne“ konnten wir unterwegs Suppe zubereiten. Ab und zu hat der Zug angehalten, Familien mit kleinen Kindern bekamen Milch oder Griesbrei vom roten Kreuz (erst in Deutschland).

Wir waren mehrere Tage unterwegs, schätzungsweise eine Woche. Der Zug hielt dann in Deutschland zuerst in Geislingen, weil bei der Firma WMF Arbeitsplätze und Wohnungen zu vergeben waren. Wir sind in Geislingen ausgestiegen und durften im dortigen Werksbad baden. Außerdem haben wir in der Kantine ein warmes Essen bekommen. Danach mussten wir zurück in unseren Zugwaggon und am nächsten Tag wurde uns gesagt, dass wir in Geislingen keine Arbeitsplätze bekommen könnten, weil in dem Werk Metallarbeiter gesucht wurden, wir aber Weber waren.

Der Zug fuhr weiter nach Waiblingen. Dort kamen wir in ein Lager, wo es uns recht schlecht erging, weil es wenig zu essen gab, dort bleiben wir 8 Tage. Wir Kinder wurden im Lager in Waiblingen sehr gut behandelt, wir bekamen Spielzeug. Vorher hatten wir noch nie Spielzeug besessen und haben uns sehr gefreut. Für die Erwachsenen gab es aber auch in Waiblingen keine Arbeit.

Wir mussten wieder in den Zug und fuhren weiter nach Schwäbisch Gmünd. Dort musste der gesamte Transport in einer Turnhalle untergebracht werden (ca. 1.000 Personen). Es gab dort dreistöckige Betten und zum essen nur Wasser und Tee, alle anderen Lebensmittel waren knapp. Dort wurde uns gesagt, dass es in Esslingen eine Fabrik gibt, die Weber sucht. Meine Familie hat sich sofort gemeldet, wir waren 54 Personen und wurden dann gemeinsam nach Esslingen-Mettingen gefahren zur Maschinenfabrik.

Dort gab es ein Lager, wir kamen sehr hungrig und müde dort an. Mein Vater hat noch ein wenig Brei aufgetrieben und wir konnten dann schlafen. Von diesem Lager aus wurden wir dann weiterverteilt nach Esslingen-Brühl in den Speisesaal der Württembergischen Baumwollspinnerei. Mein Vater bekam dort Arbeit. Wir wohnten längere Zeit im dortigen Speisesaal, es gab eine Küche, in der wir kochen konnten. Zu der Zeit gab es Essen nur auf Lebensmittelkarten, uns wurde angeboten, dass für uns gekocht wurde, wenn wir die Karten abgeben. Das Essen, das wir dann bekamen, war sehr schlecht – trockene Kartoffeln, Eipulver, etc. Irgendwann haben wir uns dann entschlossen, selber zu kochen – aber es gab zu dieser Zeit nicht viel Nahrungsmittel. Wir kamen dann dort in die Schule. In diesem Speisesaal wohnten wir 9 Monate, dann haben wir eine Wohnung bekommen.

In Esslingen Mettingen wurden wir dann heimisch und blieben lange Zeit dort.