Die Ödenburger Volksabstimmung vor 80 Jahren
Die Ergebnisse der Volksabstimmung von 1921 sind auf den Seiten von Wandorf (Aus dem Buch von Hans Degendorfer und Matthias Ziegler) dargestellt.
 
Propagandakarten zur Volksabstimmung
Um jede Stimme wurde gekämpft, besonders verbreitet waren zu diesem Zweck Postkarten, hier ist eine Auswahl der Karten, aus der Sammlung unseres Teammitgliedes Michael Floiger:
 
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Gedanken über die Ödenburger Volksabstimmung vor 80 Jahren
Nach langen politischen Plänkeleien hat die Bevölkerung von Ödenburg und acht umliegenden Dörfern (Agendorf/Ágfalva, Wolfs/Balf, Holling/Fertõboz, Harkau/Harka, KoInhof/Kopháza, Zinkendorf/Nagycenk, Wandorf/SopronbánfaIva) am 14-16. Dezember 1921 darüber entschieden, ob sie bei Ungarn verbleiben oder zu Österreich kommen möchten.

 

Es ist wohl bekannt, daß Ungarn die Abstimmung gewonnen hat. Ödenburg konnte ungarisch bleiben, da ein großer Teil der deutschen Bevölkerung für Ungarn gestimmt hat. Die verlaufenen achtzig Jahre waren nicht ausreichend, damit die Historiker der zwei Staaten auf den gleichen Standpunkt hätten kommen können. Dem österreichischen Standpunkt nach hat das abgetrennte Westungarn, also das heutige Burgenland, seine natürliche Hauptstadt, Ödenburg verloren. Nach dem ungarischen Standpunkt hat Ödenburg sein natürliches Hinterland verloren. Das Behalten dieses Gebietes infolge der gewonnenen Volksabstimmung war für das in Trianon aufgeteilte Ungarn ein großer Sieg. Heute ist es kaum mehr zu sagen, wo die Wahrheit liegt. Gab es Schwindel? Wenn ja, hat dieser auf das Ergebnis Einfluß gehabt? Hatte die ganze Prozedur überhaupt eine Bedeutung, oder hat das mit Hilfe der Siegermacht Italien abgeschlossene Venediger Abkommen schon im Voraus entschieden, daß Ödenburg und Umgebung bei Ungarn bleiben sollen? Verschiedene Meinungen Eins ist sicher: wenn wir die Daten der ungarischen Volkszählung betrachten, dann ist leicht festzustellen, daß es hier um ein mehrheitlich von Deutschen, bewohntes Gebiet geht. Es ist auch sicher, daß diese Deutschen zu diesem Zeitpunkt schon seit fast tausend Jahren auf diesem Gebiet, also in Ungarn lebten, und daß sie gute Kontakte zu dem Nachbarland Oster- reich ausgebaut hatten. Laut Friedensvertrag von Trianon sind 3,5 Millionen Ungarn in die Nachfolgestaaten geraten. Hier, auf diesen einigen Quadratkilometern hätten ungarische Staatsbürger mit deutscher Muttersprache die Möglichkeit gehabt, sich an Österreich an zuschließen, also den nach 1918 so oft betonten ethnischen Grundsatz hätte man hier im Großen und Ganzen verwirklichen können. Dies aber bedeutet an und für sich noch nichts, da ein Ungarndeutscher sich in Ungarn möglicherweise besser fühlen kann, als in Österreich. Leider hat wieder die Politik wichtig gemacht, was Jahrhunderte lang nicht wichtig war, d. h. wer z. B. welcher Nationalität gehört, bzw. zu welcher Nation gehören will.

 

Für die Wähler ist/war noch ein wichtiger Gesichtspunkt: wo ist das Lebensniveau besser, was steht im wirtschaftlichem Interesse der Einwohner. Natürlich hatte die Stadt Ödenburg mit beiden Ländern lebhafte wirtschaftliche Beziehungen aus- gebaut, aber die inländischen waren eben bedeutender. Ein nicht zu vernachlässigender Gesichtspunkt war die immer schnellere Madjarisierung der deutschen Stadtbewohner. Es reicht, wenn wir die Statistik betrachten: 1892 haben sich 17300 für Deutsch bekannt, und 8100 für Ungarisch. 1914 haben schon neben den 17000 Deutschen, 15000 Madjaren in der Stadt gelebt. Während sich die Zahl der Deutschen praktisch nicht verändert hat, hat sich das Madjarentum verdoppelt. Ursache dafür ist außer der ungarischen Einwanderung, die natürliche Assimilation. Umsonst blieb jemand deutschsprachig, wenn einem in der Schule, schon ab der Kindheit, und zwar auch in deutscher Sprache, die Vaterlandsliebe eingeimpft wird. Die Existenz der Intellektuellen und der Staatsbeamten in Ungarn war sicherer, da ein Machtwechsel leicht Unsicherheit hätte verursachen können. Man darf aber nicht vergessen, daß in den umliegenden Dörfern in der Gesamtheit Österreich gewonnen hat. ( Ausnahme waren das fast rein ungarische Zinkendorf, das kroatische Kolnhof, und das von Madjaren, Deutschen und Kroaten bewohnte Holling.) Das ist leicht auf die Tatsache zurückzuführen, daß das nationalistische ungarische Schulwesen in den Dörfern viel weniger Wurzel fassen konnte, als in Ödenburg.

 

Alle waren unzufrieden
Das zeitgenössische Ungarn - meine ich - war mit Recht darüber empört, daß auch der Weltkrieg-Waffenbruder, der andere Mitgliedstaat der "Österreich-Ungarischen Monarchie, Gebiete bekommt. Das haben die Ententemächte auch erkannt und sind darauf gekommen, daß Österreich durch die Abtrennung von Westungarn schon einen ziemlich großen Abschnitt bekommen hat. Die Übergabe des heutigen Burgenlandes ist insofern einzigartig in der Geschichte, daß einer der Kriegsverliererstaaten einem anderen Verlierer Gebiete abtreten muss. Vieles sprach also für Ungarn. Die Ödenburger Deutschen haben gezeigt, daß sie Ungarns treue Bürger bleiben wollen. Jenes Ungarn, dessen einzige bedeutende Minderheit die Deutschen waren. Vieles war gleichzeitig gegen Ungarn, da man unbedingt erwähnen muss, daß die ungarische Nationalitätenpolitik die Minderheitenfrage seit dem Ausgleich 1867 nicht vollkommen lösen konnte. Als in der Kirchengasse die Beauftragten der Entente das Endergebnis der Abstimmung festgestellt hatten, war laut zeitgenössischer Erinnerung, der deutsche Glöckner der evangelischen Kirche der, der das Ergebnis als erster erfahren hat. Da ist er mit dem Ausruf "wir sind Ungarn geblieben" in die Kirche gelaufen und begann zu läuten. Diesem Glockengeläute haben sich dann die anderen Kirchen an geschlossen, um – unabhängig von der Nationalität – das Ereignis zu feiern. Nach dem ersten Weltkrieg ist mit dem Zerfall der Monarchie und des historischen Ungarn, an der westlichen Grenze ein künstliches Grenzsystem entstanden. Weder für Ungarn, noch für Österreich war das geeignet. Der Ödenburger Bürger Alfred von Schwartz schrieb 1922: "Wahrlich, diese ganze Gestaltung ist ein elendes Machwerk, ein Flickwerk, aber hoffentlich nur ein provisorisches." Wir können nur hoffen, daß mit der Osterweiterung der Europäischen Union diese Grenze tatsächlich verschwinden und dadurch sich für "provisorisch" erweisen wird.

 

Andreas Krisch, Ödenburg
aus: Sonntagsblatt (Budapest), 2001/6